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Zur
Verwendung von Naturhörbildern in der Musiktherapie
von
W. Fasser, Musiktherapeut SFMT, AIM, Zürich, 2008
1.
Einleitung
Die musiktherapeutische Arbeit, sei es im präventiven, pädagogischen
oder kurativen Bereich, bedient sich aktiv kreierter Musik und auch
rezeptiv erfahrener Klang- und Musikproduktionen. Letztere werden direkt
vorgespielt oder ab Tonträger den Beteiligten präsentiert.
In beiden Formen der Musiktherapie ist der Prozess des Hörens von
zentraler Bedeutung. Neben komponierter oder frei improvisierter Musik
kommen auch Hörbilder aus der urbanen und natürlichen Klanglandschaft
zum Einsatz. Wir sind ständig von Geräuschen und Klängen
umgeben. So sprechen wir auch von einem Klanghabitat, Geräuschkulisse
innerhalb der Wohnräume, und eben der Klanglandschaft, der klingenden
Welt im Freien. Hörereignisse aus diesem Bereich werden innerhalb
der Beziehung zum Musiktherapeuten von entwicklungsfördernder Bedeutung
für den Patienten bzw. Klienten.
2.
Naturhörbilder anstelle von Musik
Natürliche Wirklichkeiten, in unserem Falle die akustischen Hörereignisse,
bieten ein ideales Lernfeld an. Auditive Grundfähigkeiten, wie
auditive Aufmerksamkeit, Erkennungs- und Unterscheidungsvermögen,
Richtungssinn, Merkfähigkeit und die Bedeutung des Gehörten
können in entsprechend aufgearbeiteten Hörbildern stufenweise
gefördert werden. Dies zeigt sich besonders in der Kindermusiktherapie
als wertvoller und häufig verwendeter Ansatz. Die musiktherapeutische
Beobachtung zeigt auf, welches die Hörfähigkeiten des Kindes
sind, aufgrund derer ein individuelles und spezifisches Klangmaterial
vorbereitet werden kann. Im Spiel, in der szenischen Darstellung und
im Gespräch wird das Gehörte geteilt und verarbeitet. So ist
das Klangobjekt stets Gegenstand auf welchen eine gemeinsame Aufmerksamkeit
gerichtet wird. Das Kind lernt dadurch hinzuhören, Hörereignisse
zu erkennen und sich diese zu merken. Es wird dadurch offener und wahrnehmender
für seine klangliche Umwelt. Das Kind wird zum hörenden Menschen.
Dies wiederum fördert seine Fähigkeit reicher mit der Umwelt
im Kontakt zu sein, eine unerlässliche Grundlage für seine
persönliche und psychosoziale Entwicklung.
Naturhörbilder bieten vielfältige Szenen. Je bekannter desto
eher kann ein anfängliches Zuhören entstehen. Bei entwickelten
Hörfähigkeiten kann dann auch Anspruchsvolles gehört
werden. Viele Schulkinder profitieren anfänglich von strukturierten
Natur-Hörbildern. Zum Beispiel die Hörbildcolage "La
Bubbula". In diesem Stück wird der Ruf des Wiedehopfs dargestellt.
In kurzen Sequenzen wird dieses Hörereignis wiederholt gezeigt.
Zuerst einfach, dann erneut mit anderen gut zu unterscheidenden Vogelstimmen.
Einfach zu unterscheiden weil der Ruf so anders ist. Ebenso in der Tonhöhe
und der Klangfarbe. Der Kontrast zwischen der klanglichen Figur und
dessen Hintergrund ist deutlich. Der Gesang des Zaunkönigs ist
äusserst obertonreich und stimuliert die akustische Aufmerksamkeit.
Der Wiedehopfruf ist eindeutig tiefer in der Tonhöhe und von einfachster
Struktur: bu bu bu. So stimmt das Kind schnell ein und imitiert mit
seiner Stimme diesen Ruf. Die Sequenzen mit dem Ruf kommen in einer
regelmässigen Abfolge: nicht zu früh und nicht zu spät.
So dass man sich gerade noch akustisch erinnern kann und erneut in Erwartung
ist. Die Einspielungen der Monochordklänge ergeben einen Rhythmus
von Naturtönen und Instrumentalklängen. Dies führt zur
Entspannung der auditiven Aufmerksamkeit und Erkennung bzw. Merkfähigkeit.
Das "Ohr erholt“ sich und hört beim Wiederauftauchen
der Vogelstimmen erfrischt zu. Diese Naturhörbildkompositionen
sind eigentliche sonore Geschichten.
3.
Zur Aufnahmetechnik und Nachbearbeitung
Die Kunstkopf Stereo-Aufnahmetechnik ermöglicht eine für unser
Ohr beeindruckende räumliche Wiedergabe. Derart nahe am natürlichen
Zuhören, dass auch extraauditive Reaktionen entstehen. So kann
beim Vorbeifliegen einer Biene die Nähe des Insektes physisch gespürt
werden. Auch ohne Kopfhörer kann das Abbild der natürlichen
Geräuschszene räumlich genügend gut wahrgenommen werden.
Selbstverständlich hängt dies von der Qualität
der Audio-Wiedergabe-Technik ab. Je räumlicher das sonore Abbild
desto grösser das Interesse und desto intensiver bzw. differenzierter
sind die auditiven Leistungen der Kinder. Es wurde beobachtet, dass
sich die vegetativen Parameter und die bioelektrischen Hirnaktivitäten
harmonisieren und es zu einem wachen, ruhigen und idealen Lernzustand
kommen kann.
In der Nachbearbeitung zeigte es sich, dass die einzelnen Geräuschsequenzen
belassen werden sollen was ihre natürliche und räumliche Charakteristik
angeht. Ebenso spielt die thematische Zusammenstellung eine Rolle. Soll
doch ein starker Bezug zur natürlichen Wirklichkeit beibehalten
werden um ein Wiedererkennen und den Transfer in die lokale Klanglandschaft
zu ermöglichen. Die Verwendung von archaischen Klanginstrumenten
wie Gong, Trommel, Monochord und Regenrohr eignen sich besonders gut,
da diese Klänge wohl präsent sind, jedoch nicht durch eine
bestimmte musikalische Botschaft weg vom basalen Hören einladen.
Die von mir entwickelte Interventionspraxis ergibt eine durchschnittliche
Dauer einer Hörcollage von 5 bis 9 Minuten. Die einzelnen Klangteile
dauern ca. 1 bis 2 Minuten.
So entstanden eigentliche Kompositionen mit folgenden thematischen Teilen:
Vorstellung des Themas mit und ohne Einführung
Zwischenspiel 1
1. Hauptteil
Zwischenspiel 2
2. Hauptteil mit Variation oder gleich wie 1. Hauptteil
Zwischenspiel 3
3. Hauptteil mit Variation oder gleich wie 2. Hauptteil
Zwischenspiel
Ausklang
In der Anwendung zeigt sich schnell welches verbesserbare Aspekte der
Aufnahme sind und so finden sich dann die endgültigen Naturhörbilder
für den entsprechenden Kontext.
4.
Wer profitiert von der musiktherapeutischen Arbeit mit Naturhörbildern?
Diese Frage kann nicht mit einem Diagnosekatalog beantwortet werden.
Einfacher ist es Zustände und Förderziele zu benennen für
welche erfolgreich Naturhörbilder eingesetzt werden.
Einige Anwendungsgebiete in der Kinder-Musiktherapie:
Bei auditiven Verarbeitungs- umd Wahrnehmunsschwächen
Bei Aufmerksamskeitdefizit und motorischer Ruhelosigkeit
Zur Förderung von:
Selbst- und Fremdwahrnehmung
Laut- und Sprachwahrnehmung
Erlebnisfähigkeit und Fantasie
Umwelterfahrung
Selbst- und sozialen Kompetenzen
Bei Erwachsenen
kommen die Bereiche wie Förderung der psychophysischen Entspannung,
Angstabbau, Regulation der Aufmerksamkeit von Innen nach Aussen, der
Wahrnehmungsförderung bei rationaler Dominanz etc. dazu.
5.
Naturhörbilder direkt erleben durch geführte Horchwanderungen
Seit 8 Jahren führt das Atelier für improvisierte Musik "il
Trillo" in Poppi, Italien, regelmässig Horchwanderungen in
der umliegenden Natur durch. Gross und Klein nehmen an diesen Veranstaltungen
teil. So erfährt man zusammen die Welt der Klanglandschaft: Das
Zusammensein, gemeinsam auf dasselbe Klangobjekt zu horchen, es kennenlernen
und es wieder zu hören ist ein befriedigendes Geschehen, fördert
das Hören im Allgemeinen, den sozialen Kontakt und die heilsame
Beziehung zur Natur.
Um die Horchwanderungen ergiebig zu gestalten, führt die leitende
Person im Voraus akustische Tierbeobachtungen durch. Dies mittels eigentlichem
Horchwandern oder durch mehrstündige Tonaufnahmen im ausgewählten
Gebiet. So kann leicht erkannt werden wann sich was, wo, wie durch seine
Geräusche zeigt. Eine gute Vorbereitung erhöht die Wahrscheinlichkeit
der Hörereignisse und verbessert dadurch das Horchinteresse der
Beteiligten. Jährlich führt das Atelier
"il Trillo" ca. 20 Horchwanderungen durch und fasst Ende Jahr
im Atelier die Tondokumente zusammen. In der warmen Stube erinnert man
sich so gemeinsam an das Gehörte oder lernt die Details der Hörereignisse
erst recht kennen.
Wolfgang
Fasser, September 2008
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