Ciao Quasco


Von Wolfgang Fasser Zeitschrift der Stiftung Schweizerische Schule für Blindenführhunde
Ausgabe 38; Oktober 1995 


Ein lauer Abend in den letzten Augusttagen. Friedlich, ganz entspannt und mit berührend starkem Ausdruck von erfülltem Leben liegt mein toter Freund auf dem Strohbett. Der kleine Eselstall wurde zu seinem letzten Ruheplatz. Freunde kommen, sich bei ihm zu verabschieden und bringen Blumen. Ein Knabe zupft Trauben vom nahen Weinstock und legt sie neben Quascos Kopf. Mit Hilfe eines Nachbarn bereite ich sein Grab vor.
Bei einbrechender Dunkelheit betten wir meinen Hund in eine afrikanische Decke, geben ihm sein Führgeschirr und decken das Grab. Musikerfreunde, die zufällig in der Gegend sind, kommen spontan und spielen und singen indische Lieder. Lange bleiben wir am Grab. 

Der Moment ist sehr schmerzerfüllt. Fast unerträglich die Stille. Zugleich bin ich sehr positiv erfüllt, dass alles den Lauf genommen hat, den ich mir für meinen alt und krank gewordenen Gefährten gewünscht habe. 

Vor zwei Jahren erlebte Quasco seine erste Gesundheitskrise. Seine Hinterbeine wollten ihn nicht mehr richtig tragen. Eine eingehende Untersuchung beim Vertrauenstierarzt der Blindenführhundeschule bestätigte die so oft auftretende Krankheit alter Hunde. Zu jenem Zeitpunkt ist mir klar geworden, dass Quasco unwiderruflich alt ist. Einfühlbar für jeden, denke ich, wünschte ich mir unbewusst, dass unser gemeinsames Leben ewig währte. Dem war nicht so.
Von da an war es mein Wunsch, unseren Alltag in erster Linie nach seinen Bedürfnissen zu gestalten. Wir schränkten unsere Reisen auf ein Minimum ein und begannen, ein ruhiges, beschauliches Leben im kleinen Dorf zu führen. Dies tat ihm offensichtlich gut, so dass sich seine Gehbeschwerde sogar ein wenig besserten. 

Vier Monate vor seinem Tod erkrankte Quasco erneut. Ein tumorartiges Gewächs am Hals zehrte an seinen – ohnehin schon begrenzten – Kräften und behinderte ihn am Atmen. Der Tierarzt beriet mich auf äusserst menschliche Art und Weise. Er empfahl mir, alles zu tun, dass sich Quasco wohl fühle, und verzichtete auf zu belastende und sinnlose Eingriffe. Diese letzten Monate waren mit Bestimmtheit die intensivsten unseres gemeinsamen Lebens. Ich wurde dabei sehr unterstützt durch den engen Kontakt mit der Blindenführhundeschule. Es war meine erster Hund, und ich fühlte mich unerfahren in der Situation mit dem Tier, das dem Himmel entgegenreift. 

Früher dachte ich immer, dass mein Hund einmal natürlich sterben soll, erkannte dann jedoch anhand des Todes unseres Führhundefreundes Kerry, dass dies ein sehr egoistischer – und vor allem meinem Bedürfnis entsprechender – Gedanke war. Ich war nun bereit zur Euthanasie. Unser Tierarzt versprach mir auch, dass ich ihn jederzeit anrufen könne. Gedanklich war ich sehr unsicher bezüglich der Wahl des Momentes, wollte ich ihn doch auch nicht verpassen. Die Klarheit in mir war unerschütterlich: dass Quasco einen sanften Tod verdient habe und auf keinen Fall ersticken sollte. Es erschien mir ganz deutlich, dass diese Haltung Ausdruck meiner Liebe zu ihm war. 

Der letzte Monat war sehr vergnüglich, und Quasco ging es verblüffend gut. Dann nahte die Zeit des Endes. Er wurde ganz still – stiller als still. Sein Ende war gekommen. Ich hatte keine Zweifel mehr. Nachts darauf konnte ich ihn beruhigen in seiner so leidvollen Atemnot. Das Leben hing wie ein Hauch in seinem Körper. Am Morgen: sein letzter Schritt, ruhig und ohne Angst. Der Tod war sanft und erlösend.
Neun Jahre durfte ich mit Quasco zusammenleben. Eine reiche Zeit. Er begleitete mich für drei Jahre nach Afrika und ermöglichte mir, mich in Italien niederzulassen. 

Mein Leben wurde zu dem, was es heute ist, dank seiner sympathischen Gegenwart. 

Ciao Quasco.

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