Emotionale Erfahrung und Intelligenzentwicklung



Interview mit Joseph Chilton Pearce
Fast ein halbes Jahrhundert lang hat Joseph Chilton Pearce, der lieber nur Joe genannt werden möchte, die Geheimnisse des menschlichen Geistes erforscht. Als Autor von Werken wie „Die magische Welt des Kindes“ und „Der nächste Schritt der Menschheit“ ist eine seiner allergrößten Leidenschaften nach wie vor die Beschäftigung mir dem, was er als die ,,Entfaltung“ von Intelligenz in Kindern bezeichnet. Er sieht sich selbst als Bilderstürmer, der nicht davor zurückschreckt, gegen die zahllosen Versäumnisse der gegenwärtigen amerikanischen Kultur ins Feld zu ziehen, die intellektuellen, emotionalen und spirituellen Bedürfnisse und Sehnsüchte ihrer jungen Menschen zu nähren. Joe, der die Rollen des Gelehrten, Naturwissenschaftlers, Mystikers und umherziehenden Lehrers in sich vereint, hält engen Kontakt zu den brillantesten Fachleuten in jedem Anwendungsbereich, der für seine Interessen relevant ist. Er schafft eine einzigartige Synthese ihrer Arbeit und übersetzt deren Ergebnisse in allgemein verständliche Sprache -, was in unserer Zeit zunehmender wissenschaftlicher Spezialisierung ein Beitrag von unschätzbarem Wert ist. Darüber hinaus reist er um die ganze Welt, um sein sorgfältig gesammeltes Wissen mit jedem zu teilen, von dem er das Gefühl hat, dass er oder sie Positives damit bewirken kann – falls nötig, ohne Geld dafür zu verlangen.
Die Vorstellung, dass wir mit unserem Herzen denken, ist nicht länger bloß eine Metapher, sondern in der Tat ein sehr reales Phänomen.
Frage: Die moderne Neurowissenschaft hat einige äußerst erstaunliche Entdeckungen in Bezug auf das menschliche Herz gemacht. Könnten sie uns in für Laien verständlicher Sprache etwas darüber sagen?
Joe: Die Vorstellung, dass wir mit unserem Herzen denken, ist nicht länger bloß eine Metapher, sondern in der Tat ein sehr reales Phänomen. Wir wissen das jetzt, weil durch die gemeinsamen Forschungsbemühungen zweier oder dreier Disziplinen der Beweis erbracht werden konnte, dass das Herz das wichtigste Intelligenzzentrum des Menschen ist. Molekularbiologen haben darüber hinaus entdeckt, dass das Herz die wichtigste endokrine Drüse des Körpers ist. Als Reaktion auf unser Erleben der Welt produziert und setzt es ein wichtiges Hormon frei, das ANF, was für atrio-neuriatrischer Faktor steht. Dieses Hormon hat entscheidenden Einfluss auf jeden Vorgang in der limbischen Struktur bzw. dem sogenannten ,,emotionalen Gehirn“. Hierzu gehören der Bereich des Hippocampus, in dem Lernen und Erinnerung angesiedelt sind, sowie die Kontrollzentren für das gesamte Hormonsystem. Und Neurokardiologen haben festgestellt, dass 60% bis 65% der Herzzellen tatsächlich Neuralzellen und keine Muskelzellen sind, wie man bis dahin angenommen hatte. Sie sind mit den Neuralzellen im Gehirn identisch. Sie wirken über dieselben Verbindungsglieder, Ganglien genannt, bauen dieselben Axonen- und Dendritenverbindungen wie im Gehirn auf und tun das mit Hilfe derselben Neurotransmitter, wie sie auch im Gehirn vorzufinden sind.
Man kann also ganz wörtlich davon sprechen, dass es ein „Gehirn“ im Herzen gibt, dessen Ganglien mit jedem wichtigen Organ im Körper verbunden sind, ebenso wie mit dem gesamten Muskelspindelsystem, das es dem Menschen auf einzigartige Weise ermöglicht, seine Emotionen zum Ausdruck zu bringen. Etwa die Hälfte der Neuralzellen des Herzens ist daran beteiligt, Informationen zu übersetzen, die ihm von überall im Körper übermittelt werden, damit es den Körper als harmonische Ganzheit funktionsfähig halten kann. Und die andere Hälfte besteht aus einer sehr umfangreichen unmittelbaren Neuralverbindung mit dem emotionalen Gehirn in unserem Kopf, die 24 Stunden am Tag einen Dialog zwischen Herz und Gehirn aufrechterhält, dessen wir uns nicht einmal bewusst sind.
Frage: Wie funktioniert das?
Joe: Das Herz reagiert auf Botschaften, die ihm vom emotionalen Gehirn übermittelt werden. Dieses ist damit beschäftigt, das innere Umfeld von dynamischen Zuständen wie zum Beispiel den Emotionen und dem Autoimmunsystem zu überwachen; es beeinflusst unser Verhalten und trägt zu unserem Gefühl von persönlicher Identität bei. Das emotionale Gehirn nimmt eine qualitative Bewertung unserer Erfahrungen in dieser Welt vor und schickt die entsprechenden Informationen Moment für Moment hinunter zum Herzen. Das Herz seinerseits ermahnt das Gehirn, die angemessene Reaktion zu zeigen. Natürlich findet all das auf der non-verbalen Ebene statt.
Mit anderen Worten, die Reaktionen, die das Herz zeigt, beeinflussen das gesamte menschliche System. Mittlerweile haben Biophysiker festgestellt, dass das Herz darüber hinaus ein kraftvoller Generator für elektromagnetische Energie ist. Es erzeugt ein elektromanetisches Feld, das den Körper umgibt und sich ca. 2,50 m bis 3,65 m über ihn hinaus erstreckt. Es ist so kraftvoll, dass man ein Elektrokardiogramm (EKG) bis knapp einen Meter vom Körper entfernt erstellen kann. Das vom Herzen erzeugte Feld ist holographisch, was bedeutet, dass man es von einem beliebigen Punkt auf dem Körper oder innerhalb des Feldes lesen kann. Egal wie mikroskopisch klein die Probe ist, man kann aus ihr die Informationen für das gesamte Feld gewinnen. Faszinierend ist, wie stark dieses elektromagnetische Feld das Gehirn beeinflusst.

Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass es das gesamte Radiowellenspektrum aussendet, welches dem Gehirn dann sein Material liefert, um unsere innere Erfahrung von der Welt zu erzeugen.
Und was vielleicht am wichtigsten ist, wir wissen jetzt, dass das Radiospektrum des Herzens durch unsere emotionalen Reaktionen auf unsere Umwelt tiefgreifend beeinflusst wird. Unsere emotionalen Reaktionen verändern das elektromagnetische Spektrum des Herzens, aus dem wiederum das Gehirn seine Nahrung bezieht. Letztlich hängt also alles in unserem Leben von unserer emotionalen Reaktion auf spezifische Ereignisse ab.
Frage: Wie wirkt sich dieses neue Wissen auf Kinder und ihre gesunde Entwicklung aus?
Joe: Die emotionale Erfahrung von Kindern, wie sie sich in Bezug auf sich selbst und die Welt um sie herum fühlen – all das hat ungeheuer große Auswirkungen auf ihr Wachstum und ihre Entwicklung. Es bildet die Grundlage, auf der jegliches Lernen, das Erinnerungsvermögen sowie Gesundheit und Wohlbefinden basieren. Wenn diese emotionale Struktur in einem Kind nicht stabil und positiv ist, dann werden alle weiteren Entwicklungsprozesse nicht vollständig durchlaufen. Die weitere Entwicklung wird dann weitestgehend auf die Kompensation von Defiziten hinauslaufen.
Wenn man also intelligente, erfolgreiche und gesunde Kinder haben möchte, dann ist das Erste und Wichtigste, was passieren muss, dass man sie positive emotionale Erfahrungen machen lässt. Es liegen vierzig- bis fünfzigjährige Forschungsergebnisse von Institutionen wie der Harvard University, der Medizinischen Fakultät der University of Arizona mit Experten wie Schwarz und Russick, sowie von HearthMath (,,HerzIntelligenz“) in Kalifornien vor, die diese Aussage bestätigen. Alles beginnt damit, dass Kinder sich bedingungslos gewollt, akzeptiert und geliebt fühlen. Das ist der Schlüssel für die gesamte Entwicklung.
Man kann alles andere zur Verfügung haben – einen hohen Lebensstandard, das teuerste Schulsystem, die besten Lehrer der Welt -wenn Kinder zu Beginn nicht die Erfahrung gemacht haben, sich von mindestens einem Menschen bedingungslos geliebt zu fühlen und wenn sie sich in ihrem Lernumfeld nicht wirklich sicher fühlen, dann wird nichts sehr Positives geschehen. Hierauf kann man gar nicht deutlich genug hinweisen.
Frage: Das scheint viele Auswirkungen auf die Erziehung unserer Kinder zu haben?
Joe: Der entscheidende Punkt bei der Erziehung ist, dass es nur zwei Arten des Lernens gibt: Die eine ist das wahre Lernen und die andere ist Konditionierung.

Konditionierung ist eine von Angst geprägte Reaktion des älteren Gehirns, also dessen, was wir als „Hinterhirn“ oder „Reptiliengehirn bezeichnen. Das ist das auf Reflexen beruhende, auf Überleben und Arterhaltung programmierte Gehirn, das auf Bedrohung reagiert. Es findet dort zwar eine gewisse Form des Lernens statt, jedoch handelt es sich um konditioniertes Lernen, das eng mit emotionalen Zuständen wie Feindseligkeit, Wut, Angst und Sorge verbunden ist. Wenn Sie echtes Lernen haben möchten – Lernen, das die höheren Stirnlappen, mit anderen Worten das intelligente, kreative Gehirn, einbezieht – dann muss die emotionale Umgebung positiv und unterstützend sein. Das liegt daran, dass das Gehirn beim ersten Anzeichen von wahrgenommener Bedrohung seine Funktionen aus dem hohen, vorderen Stirnlappenbereich in die alten Abwehrmechanismen des Reptiliengehirns verlagert.
Frage: Es sieht so aus, als ob Sie überzeugende Argumente dafür haben, dass unsere Entwicklung eher auf Umweltfaktoren als auf Vererbung beruht?
Joe: Die neuen Studien in diesem Zusammenhang sind recht faszinierend. In England haben Forscher die Hypothese aufgestellt, dass die Umwelt unsere genetischen Strukturen tiefgreifend verändert; ja, dass sie sogar den größten Einfluss überhaupt auf unsere DNS ausübt. Es liegen jetzt Studien vor, die zeigen, dass unsere Gene mitnichten in unveränderlichen Programmen eingeschlossen sind, wie man bis zu diesem Zeitpunkt angenommen hatte. Vielmehr übt die Umwelt, insbesondere das emotionale Umfeld, in dem wir uns befinden, einen tiefgreifenden Einfluss auf sie aus. In der Maiausgabe von Science gab es einen Artikel, in dem erörtert wurde, auf welche Weise der emotionale Zustand der Mutter während der Schwangerschaft die Richtung bestimmt, die die Evolution beim heranwachsenden Fötus einschlagen wird. Ihr Wohlbefinden oder Nicht-Wohlbefinden bestimmt, ob sich die Gehirnentwicklung im Fötus auf die Stirnlappen oder auf das uralte, auf Überleben programmierte Reptiliengehirn konzentrieren wird.
Das ist wahrscheinlich die brisanteste Information, die seit langem verbreitet worden ist. Und sie erscheint vollkommen logisch, denn das Herz ist das erste Organ, das sich im Fötus innerhalb von zehn Tagen nach der Empfängnis bildet, und das muss so sein, denn es stellt das elektromagnetische Spektrum bereit, das die DNS braucht, um Anweisungen entgegenzunehmen.
Frage: Wollen Sie damit sagen, dass sich unsere genetische Zusammensetzung selbst nach der Empfängnis weiter verändert?
Joe: Ja, selbstverständlich. Und sogar noch nach der Geburt, wo weiterhin eine Schwerpunktverlagerung zwischen dem Reptiliengehirn und dem emotionalen und dem kognitiven Gehirn feststellbar ist. In den ersten elf Lebensjahren finden nicht nur solche Verschiebungen statt, sondern man hat da zusätzlich noch einen riesigen Überschuss von Zeugs im Gehirn. Im Alter von etwa elf oder zwölf Jahren durchläuft das Gehirn eine Feinabstimmung und entscheidet, was es nicht mehr braucht. Das Gehirn fängt an, überflüssige Neuralverbindungen entweder in dem alten Überlebensgehirn oder in dem neuen intellektuellen Gehirn aufzulösen.

Was entfernt wird, hängt von der Lebenssituation des Kindes zu dieser Zeit ab. Die Frage, ob es sich sicher und geliebt fühlt oder ob es das Gefühl hat, sich gegen eine feindselige Welt schützen zu müssen, hat tiefgreifende Auswirkungen auf die Intelligenz des Kindes.
Frage: Okay, also was passiert mit den Kindern, die in einem negativen Umfeld aufgewachsen sind und keine bedingungslose Liebe erfahren haben? Was können wir tun, um diesen Prozess umzukehren und sie zu befähigen, zu vollständigen, gesunden Menschen heranzuwachsen? 
Joe: Nun, für mich läuft das Ganze auf das Herz hinaus. Bei den Kindern, von denen Sie sprechen, ist die Herz-Gehirn-Verbindung nicht ausreichend genährt worden. Sie sind in einer Umgebung von großem Mangel aufgewachsen, und das Einzige, was man tun kann, ist, ihnen in irgendeiner Form ein nährendes Umfeld bereitzustellen, in dem sie sich sicher, geliebt und gewollt fühlen.
Ich weiß, dass klingt allzu simpel, aber das ist wirklich alles, worum es geht. Diese jungen Menschen brauchen Kommunikation in der Form, dass man ihnen zuhört und auf sie eingeht; sie brauchen liebevolle Zuwendung, Spiel, körperliche Bewegung, Augenkontakt, süße Klänge und engen, wärmenden Körperkontakt.

Sehen Sie sich Marianna Caplins Buch Untouched (,,Unberührt“) an. Das ist ein brillantes, unglaublich gut dokumentiertes Buch, das denselben Stellenwert hat wie Ashley Montiques Klassiker Körperkontakt, der vor dreißig Jahren geschrieben wurde. Es handelt von dem berührungshungrigen amerikanischen Kind, das nie genügend emotionale und körperliche Zuwendung erfahren hat. Wir sollten in diesem Zusammenhang begreifen, dass die emotionale und die körperliche Dimension im Wesentlichen eng zusammen hängen. Heutzutage sind sehr viele amerikanische Teenager von Beginn ihres Lebens an der notwendigen einfühlsamen Berührung und Liebe beraubt worden.
Frage: Was geschieht infolgedessen mir ihnen?
Joe: Sie versuchen, diesen Mangel mit allen möglichen von der Kultur zur Verfügung gestellten Ersatzmitteln zu befriedigen, die ihre Bedürfnisse aber nicht wirklich erfüllen. Ann Morrison hat in den letzten fünfzehn Jahren mit jugendlichen Schwerverbrechern in Hochsicherheitsgefängnissen im Staate New York gearbeitet; mit jungen Menschen im Alter von fünfzehn bis zwanzig Jahren, die von der Gesellschaft als hoffnungslose Fälle angesehen werden. Sie beklagt das Unvermögen der Gesellschaft zu begreifen, wie leicht man sie retten könnte.
Durch Geschichtenerzählen, Theaterspielen und eine ganze Reihe ähnlicher Aktivitäten gewinnt Ann diese zumeist ungebildeten Teenager, von denen viele Analphabeten sind, für sich. Plötzlich fangen sie an zu lesen; sie schreiben ihre eigenen Gedichte und bringen sich selbst auf vielfache Weise zum Ausdruck. Als sie mit der Arbeit begann, folgte sie zunächst den Impulsen ihres eigenen Herzens. Mit großer Liebe begann sie, ihre Geschichten mir ruhiger Stimme zu erzählen, auch wenn die Teenager gleichzeitig ihren Fernseher laufen hatten und all die üblichen kindischen, lauten und wilden Dinge taten, die Teenager üblicherweise so tun. Und sie konnte sie erreichen, weil sie etwas für sie sein konnte, das sie nie zuvor bekommen hatten – eine Mutterfigur, eine mitfühlende Freundin.

Wie Margaret Mead gesagt hat: ,,Kunst ist diejenige Sprache, welche die Sprache des Herzens ist, welche die Sprache der Emotionalstruktur ist.“
Frage: Haben Sie nicht einmal gesagt, dass phantasiebegabte Kinder nie gewalttätig werden?
Joe: Nun, in Schweden gibt es eine Gruppe von Ärzten, die das behaupten. Ihre Studien zeigen, dass Kinder, die eine überdurchschnittlich große Fähigkeit besitzen, Bilder von inneren Welten zu erzeugen, nie gewalttätig werden. Wenn sie sich mit Gewalt konfrontiert sehen, dann sind sie darüber hinaus in der Lage, sich alternative Lösungen auszudenken und sie auch in die Tat umzusetzen. Genau das hat Ann Morrison diesen jungen Menschen gegeben – die Möglichkeit, ihre innere Welt neu zu gestalten und die Verbindung zwischen Herz und emotionalem Gehirn zuschaffen, die sich während ihrer Kindheit nicht herausbil- den konnte.
Frage: Ich glaube, ich habe auch gehört, dass Sie sagen, dass das Fernsehen der Erzfeind der Phantasie sei. Was genau macht das Fernsehen mit unseren Kindern?
Joe: Das Fernsehen verhindert ganz konkret die Ausbildung des Nervensystems in den sich entwickelnden Gehirnen von Kindern. Wenn kleine Kinder zu viel fernsehen, dann wird die Fähigkeit ihrer Gehirne unterdrückt, ein inneres Bild von etwas, jemandem oder einem Ereignis zu erzeugen, das dem sensorischen System nicht durch die Umgebung geliefert wird – was die Essenz dessen ist, was wir ,,Phantasie“ oder ,,Vorstellungskraft“ nennen. 
Früher waren Forscher der Ansicht, dass nur die Inhalte der Fernsehprogramme negative Auswirkungen auf Kinder hätten. Jetzt jedoch haben wir hinlängliche Beweise dafür, dass die Technologie des Mediums an sich bereits sehr schädlich ist. Mit anderen Worten, der einfache Akt des Fernsehens hat äußerst negative Folgen für die menschliche Physiologie.
Frage: Woher kommt das?
Joe: Das ist eine lange Geschichte. Sie geht bis zu den frühen sechziger Jahren zurück, als man feststellte, dass der kindliche Geist vor der ,,Kiste“ katatonische Züge annimmt. Das hat mit der Art und Weise zu tun, wie das Gehirn auf strahlendes Licht reagiert, also die Lichtquelle von Fernseh- und Computermonitoren, im Gegensatz zu seiner Reaktion auf reflektiertes Licht, welches uns die übrigen visuellen Erfahrungen vermittelt. Das ist zu kompliziert, um darauf jetzt im Detail einzugehen, also lassen Sie mich einfach sagen, dass das Gehirn dazu neigt, sich als Reaktion auf strahlende Lichtquellen zu verschließen. Wir haben alle erlebt, wie hypnotisiert Kinder wirken, wenn sie über längere Zeit fernsehen.
Die massive Überreizung durch das Fernsehen führt dazu, dass das Gehirn Fehlanpassungen vornimmt, die vorher für unmöglich gehalten wurden.
Meine größte Sorge hat mit der Art und Weise zu tun, wie die Fernsehindustrie diesem Effekt entgegengewirkt hat, indem sie die sogenannten ,,Schreckeffekte“ in Kinderprogrammen eingeführt hat. Ein Schreckeffekt ist alles, was im Gehirn den Gedanken auslöst, dass es da draußen einen Notfall geben könnte, und der es warnt, der Quelle der Störung besondere Aufmerksamkeit zu schenken.
Das Fernsehen erreicht diesen Effekt durch plötzliche, dramatische Veränderungen in Beleuchtung und Ton und durch schnelle Bildschnitte. Schließlich beginnt sich das Gehirn jedoch an die Situation zu gewöhnen. Es begreift, dass es sich um einen falschen Alarm gehandelt hat und fängt an, sich wieder auszuklinken. Als Folge davon muss die Fernsehindustrie etwa alle zehn Jahre eine Stufe höher schalten und den Schreckeffekte verstärken, bis wir es schließlich mit regelmäßigen Ausbrüchen von gewaltsamen Bildern in Kinder-Cartoons usw. zu tun bekommen; bis zu dem Punkt, dass wir jetzt einen Durchschnitt von sechzehn Gewaltszenen pro halber Stunde haben. Hier spielt die Art des Programminhalts dann tatsächlich eine Rolle. Während das höhere Gehirn, der Neocortex, weiß, dass die Fernsehbilder nicht real sind, weiß das niedere oder Reptiliengehirn dies nicht.
Das bedeutet, wenn ein Kind Gewalt am Fernsehen sieht, dann sendet das Reptiliengehirn eine Reihe von Alarmbotschaften an das emotionale Gehirn, welches nun seinerseits sofort Kontakt mir dem Herzen aufnimmt. In dem Moment, wo das Herz irgendeinen Hinweis darauf bekommt, dass Negativität oder Gefahr im Anzug ist, fällt es aus seinem gewöhnlich harmonischen in einen unzusammenhängenden Rhythmus, wobei Hydrokortison, das stärkste Hormon, das im menschlichen Körper überhaupt vorkommt‘ freigesetzt wird. Hvdrokortison weckt unverzüglich das Gehirn auf und veranlasst es, Billionen von Neuralverbindungen zu schaffen, um das Individuum bereit zu machen, sich mit dem Notfall auseinander zu setzen.
Sobald das Herz dann die Botschaft bekommt, dass alles in Ordnung ist, wird ein anderes Hormon freigesetzt, das all die neue Neuralverbindungen wieder auflöst, die dazu dienen, eine schnelle Anpassungsreaktion auf die wahrgenommene Bedrohung zu ermöglichen, letztlich aber nicht gebraucht wurden. Das Problem bei den heutigen Fernsehprogrammen ist, dass es praktisch nie zu einem Nachlassen des Schreckeffektes kommt. Als Folge davon leidet das Gehirn des durchschnittlichen amerikanischen Kindes, das bis zum Alter von fünf oder sechs Jahren 5000 bis 6000 Stunden ferngesehen hat, unter großer Verwirrung. Die massive Überreizung durch das Fernsehen führt dazu, dass das Gehirn Fehlanpassungen vornimmt, die vorher für unmöglich gehalten wurden. Es bricht tatsächlich auf allen Ebenen der neuralen Entwicklung zusammen.
Frage: Können Sie uns spezifische Beispiele dafür geben?
Joe: Ich werde Ihnen mehrere geben. Der deutsche Psychologenverband hat in Zusammenarbeit mit einer Universität über einen Zeitraum von zwanzig Jahren eine Studie mir 4000 Kindern pro Jahr durchgeführt. Es handelte sich dabei um Kinder, deren Fernsehkonsum bis zum Alter von sechs Jahren durchschnittlich 5000 bis 6000 Stunden betrug. Forscher haben festgestellt, dass junge Leute vor zwanzig Jahren zwischen 360 verschiedenen Farbschattierungen einer einzigen Farbkategorie wie zum Beispiel Rot oder Blau unterscheiden konnten. Heute sind es nur noch 130 Schattierungen; das heißt, die Fähigkeit junger Menschen, Farb-Schattierungen zu erkennen, hat um zwei Drittel abgenommen. Nun, das ist ganz eindeutig ein neurokognitiver Zusammenbruch. Die gravierendste Veränderung, die sie feststellten, war ein Zusammenbruch der Fähigkeit des Gehirns, Querverbindungen innerhalb des gesamten kinästhetisch-sensorischen Systems herzustellen. Das heißt, dass die sensorischen Systeme von Kindern zunehmend als isolierte Komponenten im Gehirn fungieren und zunehmend weniger als vollständige ,Gestalten‘.
Wenn man die jungen Testpersonen in eine natürliche Umgebung brachte, in der es keine Anreize hoher Dichte gab, wie sie vom Fernsehen ausgehen, dann fingen sie an, große Ängste zu entwickeln, sich zu langweilen und eine Neigung zu Gewalt zu entwickeln. Das letzte bestürzende Ergebnis dieser Studie war, dass das Bewusstsein, das Kinder von ihrer natürlichen Umgebung haben, im selben Zwanzigjahreszeitraum um 20% abgenommen hatte.
Das passt haargenau zu Marcia Mikulacs Evolutionsstudien aus den achtziger Jahren, bei denen sie im Vergleich zu Kindern aus nicht-technologisierten, noch nicht alphaberisierten Kulturen, eine 20- bis 285-prozentige Abnahme der Fähigkeit amerikanischer Kinder festgestellt hat, sensorische Signale aus der Umwelt aufzunehmen. Die deutschen Studien bestätigen also das, was wir bereits über die Desensibilisierung von Kindern wussten, die in hohem Maße ungeeigneten Stimuli durch Quellen wie Fernsehen und Computern ausgesetzt sind.
Frage: In seinem Buch über das Fernsehen hat Jerry Mander darauf hingewiesen, dass man bei der Einführung des Mediums Fernsehen damit warb, es sei eine wunderbare, demokratische Technologie, die das Leben aller verbessern und als Bil-dungsmedium dienen würde, das jedem kostenfrei zur Verfügung stünde. Und die amerikanische Kultur der fünfziger Jahre hat sich diese Phantasie mit allem Drum und Dran zueigen gemacht. Wie steht’s also mir den Computern der neunziger Jahre?
Joe: Nun, Computer fallen im Wesentlichen in dieselbe Kategorie. Ich gebe Ihnen ein Beispiel, das zeigt, dass sie dieselbe hemmende Wirkung auf den menschlichen Geist haben können wie das Fernsehen. Die Forscher nahmen eine einzige Seite aus einem Lehrbuch der vierten Klasse heraus, auf der sich erläuternder Text und eine Reihe von Diagrammen beziehungsweise Bildern befanden. Gruppe A wurde das Stück Papier selbst zum Studium überlassen. Gruppe B zeigte man Filmaufnahmen von derselben Seite, und Gruppe G sah die Seite auf einem Fernsehbildschirm -, was im Grunde genommen dasselbe ist wie ein Computer-monitor. Zwanzig Minuten später wurde überprüft, inwieweit die verschiedenen Gruppen das Material verstanden und behalten hatten.
Gruppe A, die das Stück Papier zur Verfügung harte, erreichte eine Merkfähigkeit von durchschnittlich 85%. Bei denjenigen, die das Material auf der Kinoleinwand gesehen hatten, betrug die Merkfähigkeir zwischen 25% und 30%, und diejenigen‘ die das Material auf dem Fernsehmonitor studiert hatten, hatten zwischen 3% und 5% verstanden und behalten. Als man die Gruppen untereinander vermischte und sie noch einmal mir anderen Seiten aus dem Buch testete, blieben die Ergebnisse in Bezug auf Verständnis und Erinnerungsvermögen in jedem Fall identisch.
Das wiederum hat mit dem Aufbau des Gehirns zu tun und damit, wie es auf strahlendes Licht als Informationsquelle im Vergleich zu reflektiertem Licht reagiert. Und das sollte Anlass für uns sein, innezuhalten und uns Gedanken zu machen, aber das tut es nicht.
Frage: Warum ist das so?
Joe: Ich habe eine Computerkonferenz der University of California in Berkeley besucht, wo einundzwanzig Fachleute aus der ganzen Welt vier Tage damit zubrachten über die Rolle von Computern bei der Erziehung zu diskutieren. Zu jener Zeit hatte der Staat Kalifornien eine Gesetzesvorlage für ein Pilotprojekt für K12-Bildungsmaßnahmen mit Umstellung auf EDV vorgelegt, die einen Umfang von 500 Millionen Dollar hatten. Man bat mich, mit allen Gesetzgebern zu sprechen, die bereit waren, zuzuhören, und ihnen zu berichten was wir während dieser vier Tage in Berkeley herausgefunden hatten. Die Frau, die das in die Wege geleitet hatte, war zu jener Zeit Vorsitzende des Strategieressorts bei den Republikanern und sie wurde entlassen, weil sie mich gebeten hatte, herzukommen und zu sprechen. Das mag Ihnen verdeutlichen, wie viel Geld und Macht dabei im Spiel sind.
Frage: Aber heutzutage braucht man für so viele berufliche Tätigkeiten Computer.

Wie können wir jungen Menschen vermitteln, was sie über Computer wissen müssen, ohne uns allzu sehr auf diese Technologie zu verlassen? 
Joe: Bei jenem viertägigen Symposium in Berkeley haben wir die Schlussfolgerung gezogen, dass alles davon abhängt, dass es für die jeweilige Altersgruppe angemessen ist. Ein Professor des Massachussetts Institute of Technology hat den leidenschaftlichen Appell vorgetragen, man solle Kinder dazu ermutigen, zunächst ihre Denkfähigkeit zu entwickeln, und ihnen erst dann einen Computer geben. Danach sind nach oben hin keine Grenzen gesetzt. Wenn man jedoch ein Kind mit dem Computer vertraut macht, bevor seine Denkprozesse einigermaßen entwickelt sind, dann ist die Fehlentwicklung vorprogrammiert. Das liegt daran dass, wie Piaget herausgestellt hat, die ersten zwölf Lebensjahre dazu verwendet werden, die Verständnisstrukturen zu entwickeln, die junge Menschen befähigen, abstrakte, metaphorische und symbolischen Formen von Information zu begreifen. Die Fähigkeit zum abstrakten Denken hat sich als Folge von natürlichen konkreten Prozessen herausgebildet, die es bereits seit Millionen von Jahren gibt. Die Gefahr dabei ist, dass der Computer, der auf derselben künstlichen Kathode-Strahl-Röhrentechnologie beruht wie das Fernsehen, diese Entwicklung unterbrechen wird. Frage: Von Fernsehen und Computern einmal abgesehen vermitteln mir viele junge Menschen, die ich kenne, den Eindruck, dass etwas in ihrem Leben fehlt. Haben Sie das auf Ihren Reisen ebenfalls bemerkt? Joe: Ich habe schon oft über drei wichtige Merkmale aller Teenager gesprochen. Das erste ist das mit einer großen Hoffnung verbundene Gefühl, dass im Alter von fünfzehn oder sechzehn Jahren irgendetwas Ungeheuerliches in ihrem Leben passieren wird. Das zweite ist das Gefühl, dass eine bestimmte Größe, irgendetwas Großartiges in ihnen steckt. Das dritte ist eine Sehnsucht, die so intensiv ist, dass sie nie gestillt werden kann.
Und so beginnen Teenager an diesem Punkt, nach Vorbildern Ausschau zu halten, die ihnen zeigen können, wer sie sein könnten. Sie suchen nach jemandem, der ihnen hilft, sich zu definieren, und der diese Sehnsucht ins rechte Licht rückt. Und was bekommen sie? Sie bekommen MTV, sie bekommen Rockstars und all den anderen Unsinn im Kino und im Fernsehen.
Frage: Das ist die Lebensphase, in der viele andere Kulturen durch das Zelebrieren von Übergangs- und Mündigkeitsritualen spirituelles Wachstum fördern. Sind Sie der Meinung, dass der Mangel an solchen Ritualen in unserer Kultur einer der Gründe für unseren Niedergang ist?
Joe: Gewiss, aber die Dinge, von denen Sie sprechen, werden von unserer Gesellschaft vehement blockiert, weil sie sich in ökonomischer Hinsicht nicht auszahlen. Man kann ihnen keinen Wert in Dollar zuschreiben. Junge Menschen, die draußen nach etwas suchen, das Sinn und Substanz hat, finden kaum je das, was sie suchen, weil sie in unserem kulturellen System gefangen sind. Schauen Sie sich Ralph Naders und Linda Cocos neues Buch über die Ausbeutung von Kindern durch Unternehmen an. Es ist ein absoluter Hammer! Als Ralph Nader zum Beispiel Bob Pittman, den Erfinder des 24-stündigen MTV-Musiksenders, daraufhin ansprach, ob ihm bewusst sei, welch tiefgehenden Einfluss er auf Vierzehnjährige ausübe, da lehnte sich dieser Typ zurück und sagte: ,,Ralph, wir beeinflussen die Vierzehnjährigen nicht, wir besitzen sie“.
Heute gibt es sogar Unternehmer auf dem Markt, die Programme an Firmen verkaufen, in denen diesen im Detail erklärt wird, wie man den kindlichen Geist am besten ausbeuten kann! Wir sind, mit anderen Worten, gegenwärtig als Konsumgesellschaft eingerichtet, und es würde eine fundamentale Bedrohung für unsere Wirtschaft bedeuten, wenn wir das ändern wollten. Ich glaube nicht, dass man diese Realität im großen Stil verändern kann. Man kann lediglich versuchen, an den Rändern zu arbeiten, in der Hoffnung, so ein Individuum nach dem anderen zu erreichen. Alles, was wir tun können ist, an Eltern zu appellieren, die Ohren haben zu hören und bereit sind, ihre Kinder aus diesem Wahnsinn herauszubringen und sie vor ihm zu schützen.
Frage: Welchen Rat würden sie Eltern von Teenagern geben, wie sie die Heranwachsenden unterstützen können, ihre tiefsten Wünsche zu verfolgen?
Joe: Nun, zunächst einmal ist es so, dass sehr viele Teenager keine Ahnung haben, was ihre Wünsche und Sehnsüchte überhaupt sind, weil man ihnen nicht die Gelegenheit gegeben hat, das herauszufinden. Wir können also damit beginnen, dass wir ihnen helfen, ihre Wünsche zu identifizieren.
Als nächstes können wir beginnen, eher proaktiv zu sein als nur zu reagieren. Die meisten Krisen, die unsere jungen Menschen heute durchlaufen, sind willkürlich, das heißt, sie sind von der Kultur selbst geschaffen worden. Statt Millionen von Dollars für den Versuch auszugeben, das, was mit unseren Teenagern nicht stimmt, wieder in Ordnung zu bringen, sollten wir darein investieren, Individuen so zu erziehen, dass sie gute Eltern werden und ihren Babys und Kleinkindern Liebe und Fürsorge geben, damit diese später keine riesigen Probleme bekommen. Die ersten vier Lebensjahre sind die wichtigsten. In Schweden bekommen frischgebackene Mütter drei Jahre Mutterschaftsrurlaub. Früher war es nur ein Jahr und jetzt haben sie die Zeit auf drei Jahre erhöht, damit Mütter zu Hause bei ihren Kindern bleiben können. Und auch Väter bekommen ein Jahr Erziehungsurlaub bei voller Bezahlung, so dass Mutter und Vater in dem ersten entscheidend Lebensjahr bei ihrem Kind bleiben können. Wenn sie also fragen, was wir mit unseren Teenagern tun können, dann sage ich Ihnen, wir können damit beginnen,ganz von Anfang an dafür zu sorgen, dass Schäden vermieden werden.
Frage: Glauben Sie also, dass es noch Hoffnung für uns gibt?
Joe: Im Moment passieren in kleinen Nischen überall auf der Welt einige sehr außergewöhnliche Dinge, Beispiele für wahren Zusammenhalt in einem äußerst unzusammenhängenden System. Und wenn sich dieser Alptraum von der Weltwirtschaft, den wir heraufbeschworen haben, schließlich selbst zerstört – und ich glaube, das muss passieren -, dann werden sich diese kleinen Nischen kohärenter Intelligenz manifestieren und die Schubkraft und die Weisheit für die Veränderungen bereitstellen, die notwendig sind, um eine Welt zu schaffen, in der Kinder ihr volles Potential erreichen können. Ich bin in dieser Hinsicht sehr optimistisch.
Das Interview führten Chris Mercogliano und Kim Debus im Auftrag der Zeitschrift Journal of Family Life, Ausgabe 5/1, 1999
Literaturhinweis:
Joseph Chilten Pearce
“Der nächste Schritt der Menschheit“
Die Entfaltung des menschlichen Potentials aus neurobiologischer Sicht
 publiziert in der Zeitschrift „Mit Kindern wachsen“, Juli 2003 
 www.mit-kindern-wachsen.de
Dieser Artikel wurde mir mit freundlicher Genehmigung des Autors zur Veröffentlichung auf dieser Webseite frei gegeben.

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