Schwerhörigkeit – psychologische Aspekte

Schwerhörigkeit – psychologische Aspekte

Von Barbara Schmugge

1 Hören, Körper, Stimme und Hörbehinderung
Hören und Taubheit, Zuhören und sich Ausdrücken, Stimme und Körper, Sprechen und Gehörtwerden sind Themen, die uns alle betreffen, ob wir jetzt ein physiologisch intaktes Gehör haben oder nicht. Die einzelnen Begriffspaare gehören je sehr eng zueinander. Ich kann weniger überzeugend sprechen, wenn Sie mir nicht aufmerksam zuhören und umgekehrt, Sie müssen mehr Mühe aufwenden, um mir zuzuhören, wenn ich nicht überzeugend, d.h. von mir selber überzeugt spreche. Ich kann weniger melodisch und wohltönend, angenehm zum Zuhören sprechen, wenn ich nicht ganz intensiv auf die Vibrationen achte, die meine Stimme an den verschiedenen Stellen in meinem Körper erzeugt, das heisst: wenn ich mir nicht gut zuhöre. Der Grad an Entspanntheit und Aufmerksamkeit ist wiederum abhängig von der Stimmung im Raum.

Das alles sind eigentlich psychologische Binsenwahrheiten, ich führe sie hier an, weil ich der Ansicht bin, dass sie im Zusammenhang mit Hörbehinderung praktisch immer vergessen werden. Liegt eine Behinderung des Ohres vor, macht es den Anschein, dass Reden und Zuhören, Stimme und Wahrnehmungsvermögen nur, allein, ausschliesslich von der Hörbehinderung abhängig sind. Dem ist natürlich nicht so, die allgemeingültigen Gesetze über psychophysische Zusammenhänge gelten auch hier. Diese Fehlannahme zeigt uns auch Interessantes auf: Dass nämlich die Zusammenhänge zwischen Hören und Tönen, zwischen Körperlichem und Seelischem letztlich sehr schwer entwirrbar sind. Das einzuräumen ist eines, dann aber nicht den Fehlschluss zu tun, dass das physiologische Hörvermögen das Zentrum vieler seelisch-geistigen Leistungen bildet, ist ein (wichtiges) anderes.

1.1 Wie hören wir?
Wir hören alle mit dem Körper, ob unsere Ohren hörend, gehörlos oder schwerhörig sind. Wir hören mit dem Körper: Wir können, heisst das, unsere Aufmerksamkeit auf die Schwingungen, die Vibrationen richten, die der Schall in unserem Gewebe und in den Knochen erzeugt. Auch Stimmen erzeugen diesen Schall, der als Vibration Knochen und Gewebe durchdringt. Es gibt eine grosse Anzahl von Stimm- und Körperübungen, mit denen Sie die Wahrnehmung der Stimme als Vibrationen im Körper schulen können. Nicht zuletzt ist das sehr lustvoll und belebend.

Mögliche Übung: Sprechen mit geschlossenem Mund, Ohren zuhaltend; Summen mit geschlossenem Mund, Ohren zuhaltend; Sprechen mit offenem Mund, Ohren zuhaltend. Für Normalhörende: sich vorstellen, dass man in Raum über, hinter, rechts, links neben Kopf spricht und dann besonders aufmerksam zuhören, was sich verändert.

Die Vibrationen meiner eigenen Stimme sind natürlich in meinem Körper besonders gut spürbar, weil sie dort entstehen und nicht noch einen Zwischenraum überwinden müssen wie die Stimmen anderer Leute. Aber auch die Stimmen anderer kann ich besonders gut in meinem Körper wahrnehmen, weil die menschlichen Körper einander in Bau und Form doch relativ ähneln.

Anders formuliert: Die Stimme geht uns alle etwas an. Ich will das hier insbesondere nochmals so betonen, weil Sie alle mit Menschen befasst sind, die aufgrund ihrer Höreinschränkung spezielle Aufmerksamkeit auf ihre Stimme richten müssen. Auf die Gefahr hin, dass ich mit diesen Wiederholungen langweilig werde: Insbesondere Leute, die ihre Stimme über die Ohren nicht oder extrem eingeschränkt hören können, weder über Luft- noch über die Knochenleitung, müssen / können / dürfen sich spezielle damit auseinandersetzen, wie sie ein lustvolles und intensives Verhältnis zu ihrem Gebrauch gewinnen können. Ich halte es für einen der hartnäckigsten Mythen im Wissen über die Hörbehinderungen, dass den stark Hörbehinderten ihre Stimme fremd sei, dass man ohne seine Stimme zu hören, nicht angenehm (für den Sprechenden und den Zuhörenden) sprechen könne, dass es, und das scheint mir das Wesentlichste, gleichsam widernatürlich sei, wenn (stark) Hörbehinderte sich aus eigenem Wunsch heraus mit ihrer Stimme auseinandersetzen.

Ich möchte diesem ‚Mythos‘ entgegenhalten, dass es gerade für Hörbehinderte ausserordentlich fruchtbar und lustvoll ist, sich mit der eigenen Stimme zu befassen. Gerade weil wir sie in der Regel nicht oder nur sehr eingeschränkt hören, bringt es uns viel, wenn wir uns mit ihr beschäftigen. Die meisten Leute brauchen ihre Stimme täglich, in der Regel auch wir Hörbehinderten. Sie ist wichtiges Werkzeug, wichtiges Instrument, und warum sollten wir das Instrument, das wir da besitzen und gebrauchen, nicht sorgfältig betrachten, pflegen und hegen?

Ich bin darüberhinaus fest davon überzeugt, dass viele Hörbehinderte ein trauriges Verhältnis zur eigenen Stimme haben und dieses mit der Bewusstmachung ihres ganz speziellen Gebrauchs verbessern können. Wir Hörbehinderten wachsen praktisch alle mit dem ‚Wissen‘ auf, dass unsere Stimme davon geprägt sei, dass wir sie nicht oder nur reduziert hören. Diese Prägung wird meistens negativ umschrieben: monoton, nasal, verwaschen, arhythmisch, typische Schwerhörigen- oder Gehörlosensprache und was weiss ich wie noch. Gemäss dieser Fremdeinschätzung der Stimme, die den Hörbehinderten in keinem Fall entgeht, bildet sich dann unser Bild von unserer eigenen Stimme aus, das in den meisten Fällen problematisch ist, von Scham und Hässlichfinden bestimmt.

Wir Hörbehinderten wissen gar nicht, dass wir eine Spezialität in unserem Stimmgebrauch haben, die Normalhörende nicht ohne weiteres (vielleicht überhaupt nicht) nachvollziehen können: Wir spüren die Vibrationen unserer Stimme im Körper, ohne durchs Hören am Ohr davon abgelenkt zu sein. Wir können Töne machen, die wir am Ohr nicht hören und uns dabei voll auf die Vibration des Schalls in Gewebe und Knochen konzentrieren. So liegt es eigentlich nahe, dass wir uns auf diese Spezialität nur allzu gut besinnen, diese üben und perfektionieren. Damit wir mehr Spass am eigenen Stimmklang haben (dessen feedback ohne Gehör und ohne bewusstes Hören auf die Vibrationen im Körper in der Tat kaum Spass macht und von daher die Selbsteinschätzung der ‚unschönen‘ Stimme nur noch verstärkt), damit wir ungehemmter und selbstbewusster sprechen und uns besser zugehört wird, das heisst: auch, damit die Menschen unserer Umgebung unsere Stimmen als angenehmer erleben. Das letzte ist aber ganz klar für mich nicht das primäre Ziel, es ist aber interessanterweise quasi gratis mitgeliefert.

1.2 Verschiedene Arten des Hörens
Als Schwerhörige, die sich ganz intensiv mit ihrem ‚Restgehör‘ (ich schätze den Begriff nicht und bevorzuge ‚Gehör‘, aber wenn ich vom Hören ohne jedes Gerät rede, ist er präziser) auseinandergesetzt hat, erlebe ich verschiedene Arten des Hörens. Ich werde im Zusammenhang mit dem Themenblock ‚Schwerhörigkeit und Identität‘ auch noch auf meine persönliche Auseinandersetzung mit dem Restgehör zu sprechen kommen.

Wie also hören wir? Vielmehr sollte die Frage lauten: Wie können wir hören? Oder noch genauer: Wie kann ich als Schwerhörige hören?

Eine Antwort auf diese Fragen scheint nur einfach, aber Hör-Erleben als solches ist -wie alle Sinneswahrnehmungen als solche- nur schwer mit Worten nachzubilden. Oft wird gesagt, es sei unmöglich, einem Taubgeborenen die Schönheit von Klängen nahezubringen oder einer Blindgeborenen von Farbenpracht zu reden. Ich bin aber gar nicht so sicher, ob das wirklich so unmöglich ist. Das Nahebringen von Wahrnehmungserlebnissen, die nicht wahrgenommen werden können, ist vorstellbar, allerdings nur innerhalb gelingender Beziehung (das wegen der grossen Verletzlichkeit von Sinnesbehinderten auf dem Gebiet ihres eingeschränkten Sinnes). In jedem Falle kann über das Sich-Berührtfühlen durch einen Klang, einen visuellen Eindruck ausgetauscht werden. Das heisst: Wenn das Wahrnehmen als solches, das Sehen mit den Augen, das Hören mit den Ohren nicht geteilt werden kann, so können doch Bilder und Analogien aus anderssinnigem Erleben auch einiges über die Sinneswahrnehmungen als solche vermitteln.

Es gibt viele verschiedene Arten oder Aspekte (Anschauungen also) des Hörens. Es geht um einen Versuch, verschiedene Erlebnisweisen des Hörens zu beschreiben, wobei wir streng auf der phänomenologischen Ebene (verstanden als schlichte Beschreibung dessen, wie es erlebt wird, wie es sich anfühlt) verbleiben. Beginnen will ich mit den körperlich spürbaren Vibrationen.

Körperlich spürbare Vibrationen: Wir können sie beispielsweise in einer Aufführung eines Sprechchores als Schwingungen spüren, die am ganzen Körper anbranden, und für die das Organ Ohr nicht die feinfühligste, gewissermassen am besten bereitete Empfangsstelle ist, und die von der Stimmung des Mitgeteilten vieles zu transportieren vermögen. Eine andere Möglichkeit des Hörens von Vibrationen im Körper stellt sich ein, wenn die Glocken einer grösseren Kirche übers Land hin läuten und man sie noch nicht mit den Ohren hören kann, sondern zunächst im Körper vibrieren fühlt.

Beim vibratorischen Körperhören scheint es, als kämen an unserem Körper zahlreiche Schwingungen an, die für unsere Ohren nicht wahrnehmbar sind. Verweigern wir jetzt den Schwingungen unsere Aufmerksamkeit und hören ihnen nicht zu, machen sie uns unruhig und rastlos nach Bewegung verlangend. Die Schwingungen fordern eine Reaktion von uns.

In den vibrierenden Körperschwingungen zeigt sich für mich deutlich, was Hören eigentlich ist: durch etwas von aussen Kommendes innen berührt, bewegt werden. Oder etwas schlichter formuliert: Hören ist gespürte, von aussen in mich hineinfallende Bewegung.

Diese von aussen kommende Bewegung kann der Mensch durchs Hören mit allen Körperabschnitten wahrnehmen; es braucht, wie mir Normalhörende immer wieder versichern, allerdings eine gewisse Einübungszeit, um mit der Dominanz oder Präokkupierung der Ohren für Hörbares kreativ umgehen zu können. Für uns Schwerhörige ist das in einem gewissen Sinn einfacher, weil wir viele Schwingungen ausschliesslich mit dem Körper wahrnehmen und nicht mit den Ohren. Wir müssen uns in einem anderen Sinn seelisch etwas freikämpfen: versuchen loszulassen, was wir von klein auf als das Wesentliche eingetrichtert bekommen und worin wir ja schwach sind: das Hören mit den Ohren. Ich kann Ihnen versichern, dass es eine grosse persönliche Befreiung und Bereicherung an anderen (Sinnes)Erfahrungen bedeutet, wenn wir die oft unglücklich-verkrampfte Konzentration auf das Hören mit den Ohren für eine Zeitlang loslassen können.

Betrachten wir nach den im Körper spürbaren Vibrationen eine weitere Art des Hörens. Einfache Klänge, von mehreren Leuten mit ihren Stimmen produziert – im Kreis stehend, pro Atemzug einen gleichbleibenden Ton von sich gebend – wirken wie ein angenehm warmer Tonregen. Solcherart produzierte Klänge nehmen wir buchstäblich von Kopf bis Fuss wahr. Es schwingt in unserem ganzen Körper, und dabei hören wir gleichzeitig auch mit den Ohren. Ich kann dann nicht unterscheiden, was von den Vibrationen, die ich von Kopf bis Fuss spüre, aus dem eigenen Inneren kommt, also der selber erzeugte Ton ist, und was von den Vibrationen von den Tönen der anderen stammt. Der Gesamtklang einer so tönenden Gruppe hat manchmal eine wunderschöne Gestalt, die man gerne festhalten würde, die aber doch beim nächsten Atemzug schon zerflossen ist und sich zu einem neuen Gebilde formt. Stehen Leute im Kreis nahe beieinander und tönen zusammen, dann entstehen sehr dichte Schwingungen in der Luft. Man meint sie greifen zu können.

Auf diese Art gelingt es mir persönlich besonders gut, das Hören mit den Ohren neben dem Spüren von Vibrationen wahrzunehmen, beides ist intensiv, keines dominant. Die einzelnen ‚Komponenten‘ (das für die Ohren Hörbare und die gespürten Vibrationen) sind durchaus eigenständig, sie sind deutlich erkennbar. Es handelt sich nicht um eine Melange, in der von den einzelnen ‚Zutaten‘ keine Spur mehr zu finden ist, wie das der Fall ist bei der Art von Hören, der wir uns jetzt anschliessend zuwenden wollen.

Die Art des Hörens, die wir jetzt betrachten wollen, erleben wir intensiv und gewissermassen im ganzen Kopf. Es ist auch diese Hörart eine Zwischenart zwischen dem Spüren von Vibrationen und dem Hören mit den Ohren, dabei aber eine unentwirrbare Mischung aus beidem. Wenn wir etwas hören und die Klangquelle sehr nah am Ohr ist, ist es Wahrnehmung von Wellen als Schall und als Vibration. Hinzu kommt ein ganz ausgeprägtes Raumerlebnis, als sei unser Kopf eine Halle; es hallt uns im Kopf. Versuchen Sie es einmal mit folgendem Experiment, und Sie werden verstehen, was ich mit diesem untrennbaren Hör-Spür-Gemisch meine: Lassen Sie eine andere Person nahe bei ihrem Kopf einen Text mit geschlossenem Mund psalmodieren. Psalmodieren ist eine Art langsamen, klangvollen Sprechens, wobei immer mehrere Silben hintereinander auf dem gleichen Ton folgen. Psalmodieren hat Anteile vom Singen, ist aber kein Singen. Sie werden eine starke Resonanz in Ihrem Kopf spüren, ohne dass Sie auch nur eine Silbe mit psalmodieren.

Eine andere Gelegenheit, bei der wir dieses unentwirrbare Gemisch aus Im-Kopf- und Am-Ohr-Hören erleben können, ist mit einer Tambura. Dieses aus einem grossen Kürbis gebildete indische Instrument kann man auf besondere Art mit den Ohren hören, wenn man ein Ohr an seinen ‚Bauch‘, den Kürbishohlkörper, legt. Mit dem Ohr am Bauch der Tambura hören wir die mit ihr erzeugte Musik und gleichzeitig auch die Töne, die sonst noch im Raum vorhanden sind. Auch in diesem Fall haben wir wieder dieses eigentümliche Raumerlebnis; die verschiedenen Klänge, diejenigen der Tambura und die übrigen im Raum verteilten, werden seltsam verstärkt im Bauch der Tambura. Der Bauch der Tambura bildet gewissermassen einen Erweiterungsbau der ‚Kopf-Halle‘, der wir oben bereits begegnet sind.

Ein ähnliches Raumerlebnis, bei dem der eigene Körper gewissermassen die Klanghalle bildet, haben wir, wenn wir mit geschlossenem Mund sprechen oder psalmodieren und dabei dem Klang möglichst freien Lauf in unserem Körper lassen. So frei wie möglich nehmen wir wahr, an welchen Orten des Körpers die Vibrationen fliessen und spürbar sind und an welchen nicht. Je vollständiger man seine Körperräume mit den bei geschlossenem Mund erzeugten Klängen ausfüllen kann, desto angenehmer, wohltuender, ’schöner‘ klingt der hörbare Ton von aussen.

Eine weitere Spielart des Hörens ist das Hören in den Knochen. Wir können es erleben, wenn uns jemand am Kopf berührt, oder wenn wir vor einem ausreichend grossen, klangvollen Gong sitzen (ohne selber Töne zum Gong zu produzieren). Dann fühlen wir beim Zuhören deutlich, und zwar ohne dass wir unseren Körper mit der Hand berühren, dass ein Knochen oder mehrere Knochen von innen her vibrieren. Es wirkt ausgesprochen rohrhaft, mit einem etwas hinkenden Vergleich umschrieben: als habe man einen Draht durch den Knochen gesteckt und an schwachen Strom angeschlossen. Die Empfindung bei diesem „Singen in den Knochen“ ist ausgesprochen angenehm und entspannend.

Ein Beispiel für verzögerte Wahrnehmung von Knochenhören: Ich habe einmal einen Kurs für unter-Wasser-Hören besucht (das sog. ‚aquatique‘, Methode nach F. Louche). Man bewegt sich in einem kleineren Schwimmbecken, in dem unter der Wasseroberfläche spezielle Lautsprecher installiert sind. Man kann die Töne wahrnehmen, indem man die Ohren über oder unter der Wasseroberfläche hat. Da gab es dann eine Sequenz mit sehr hohen Tönen, von denen ich während der Zeit im Wasser keinen einzigen mit dem Ohr gehört habe. Überraschenderweise habe ich nach dem Verlassen des Wassers ganz intensive Vibrationen in meinen Knochen gespürt, und zwar fühlte es sich an, als habe ich einen Draht mit schwachem Strom in meinen Knochen stecken. Was mich so verblüffte, war das verzögerte Spüren dieses Knochenhörens.

Wenn auf einem charaktervollen grösseren Gong gespielt wird, spüren wir in intensiven Momenten die vibrierenden oder ’singenden‘ Knochen aktiv, das heisst, ohne den Körper mit der Hand an entsprechenden Stellen zu berühren. Natürlich spüren wir vor einem grossen, tönenden Gong die Knochen auch dann vibrieren, wenn wir eine Hand an der entsprechenden Stelle auf den Körper legen. Wenn wir dem Gong zuhören, müssen wir auf das Knochensingen allerdings speziell achten, denn das, was wir vom Gong mit den Ohren hören, sowie die Vibrationen in der Luft und im Fussboden sind in unserer Wahrnehmung dominant.

Eine andere Art Knochen’singen‘ oder -vibrieren zu erleben, ist die folgende: Wir summen mit geschlossenem Mund, und zwar auf eine bestimmte Art: entspannt und konzentriert gleichzeitig. Dafür müssen wir uns tief und ausschliesslich in das Summen hineinbegeben; sind wir zu zerstreut, klappt es in der Regel nicht. Unmittelbar nach dem Beenden des Summens vibrieren die Knochen in unserem Körper, und zwar am stärksten diejenigen der Stirnregion: eine intensive Nachwirkung. Wenn wir dann den nächsten Ton summen, bevor das Knochen’singen‘ vom vorhergehenden verklungen ist, ergibt sich im Körper ein merkwürdiges Zusammentönen von gesungenem Ton und vibrierenden Knochen.

Am schwierigsten in Worte zu fassen scheint mir das nur-mit-den-Ohren-Hören. Warum? Da spielt gewiss meine Schwerhörigkeit eine grosse Rolle. Ich phantasiere zum Hören, stelle mir vieles vor im Zusammenhang mit ihm, mache mir zum Teil völlig absurde Bilder, frage mir Nahestehenden Löcher in den Kopf … Im Moment setze ich mich auch stark mit dem Ohren-Hören auseinander. Ich denke, wir Schwerhörigen können auf diesem Gebiet vor allem durch unsere im guten Sinn naiven, neugierig-offenen Fragen und durch das offenherzige Mitteilen unserer ‚falschen‘ Bilder und unserer Erfahrungen mit neuen Hörgeräten zum Beispiel kreativ sein und den Diskurs ‚Was ist Hören?‘ bereichern. Hören schlechthin ist ein Hörgesamt-Erleben. Das heisst: Wir sagen ‚ich höre‘ und bezeichnen damit ein umfassendes Etwas, das sich zusammensetzt aus den oben isoliert beschriebenen, verschiedenen Arten des Hörens. Es fällt mir extrem schwer auseinanderzuhalten, was mit den Ohren gehört wird, was an Vibrationen gespürt wird, welchen Anteil am Gesamt das Hören in den Knochen bildet. Meistens interessiert uns das Auseinanderbuchstabieren der verschiedenen Hörarten im Hörgesamt-Erleben in der Alltagssituation, in der es zu hören gilt, auch nicht gross. Wozu auch. Es geht da in der Schnelle und von den Anforderungen her um anderes, um Verstehen und Begreifen von Information zum Beispiel.

2 Einige Bemerkungen zu Musik und Hörbehinderung (Video mit E. Glennie als Einstimmung.)
Die Sehnsucht nach Musik ist eine seelisch-geistige, existenzielle, kulturelle Angelegenheit. Sie hat primär einmal mit dem physiologischen Zustand des Gehörs nichts zu tun, insbesondere wird sie nicht durch Taubheit oder Schwerhörigkeit vermindert. In Bezug auf angeborene Taubheit oder starke Schwerhörigkeit ist die letzte eine gewagte Behauptung, und ich bin mir selber nicht so sicher, ob sie nicht zu revidieren sei, um realistisch zu sein. Als idealistischer Satz mag er bestehen bleiben, aber wo finden wir Entsprechungen in der real existierenden Welt? Wo gibt es musikalische Produktionen, Äusserungen oder Strebungen von Menschen, die seit Geburt oder sehr früher Kindheit taub sind, also keine Hörerinnerungen haben und keine Ausnahmebegabungen sind? (Evelyn Glennie hat ja bis ungefähr 8jährig normal gehört.) Ich suche solche Zeugnisse, und wenn Sie etwas wissen und mir mitteilen, bin ich Ihnen verbunden.
Wie sollen wir, wo wir es mit Schwerhörigkeit zu tun haben, vom Musikhören sprechen? Ich möchte im folgenden mit Ihnen einige wenige Gedanken und Erfahrungen teilen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Ich selber beschäftige mich gern und mit grossem Interesse mit Musikalischem, finde aber trotzdem kein sehr grosses Gebiet vor, in welchem ich ohne Schwierigkeiten fündig würde. Anders formuliert: Die Tatsache, dass ich nie anders gehört habe als heute und somit keine ‚korrekten Hörerinnerungen‘ an Musikstücke habe, hat zur Folge, dass ich mir diese mit meinem Gehör (‚Restgehör‘, denn mit Hörgeräten kann ich keine Musik geniessen, verstehe da noch viel weniger) aneignen muss. Vieles verstehe ich schlicht nicht, insbesondere bereiten mir alle Stücke mit mehr als zwei, drei Instrumenten grosse Schwierigkeiten beim Hören, sprechen mich nicht an. Das beschränkt natürlich die Auswahl. Dann gibt es Instrumente, deren Charakter ich nicht erfasse und nicht wertschätzen kann, was ich im Gespräch mit anderen nur zu gut begreife. In den Gesprächen mit anderen, auch über Musik, die ich sinnlich selber nicht zugänglich finde, eröffnen sich aber bei mir eine grosse Bewunderung und ein grosser Respekt vor den Möglichkeiten und Wirkungen von Musik, und ich sehne mich sehr danach und arbeite daran, mehr Musik zu verstehen.

Wie, denke ich, bewegt uns Musik? Die zum Musikhören bereite Person befindet sich in einer gewissen inneren Gestimmtheit, es ‚geht ihr‘ auf eine bestimmte Art. In diese Person fällt nun Musik hinein. Wenn die Person unvermittelt körperlich-seelisch ins Mitschwingen gerät, hört sie die Musik auf berührende Art. Oder umgekehrt gesagt: Musikhören ist, wenn wir ausserhalb unserer selbst eine bestimmte Art von Schall wahrnehmen und uns durch ihn körperlich-seelisch in Schwingung versetzen lassen. Dieser Vorgang des Sich-in-Schwingung-bringen-Lassens bedeutet ein Glückserlebnis per se. Ich möchte meinen, es sei dieses In-Schwingung-Geraten, was einen grossen Teil des Zaubers ausmacht, der uns beim Musikhören unweigerlich umfängt.

Übrigens ist es – mindestens für Schwerhörige, möchte ich behaupten -nicht ausschliesslich mit musikalischen Klängen möglich, durch akustische Ereignisse unvermittelt ins Mitschwingen zu geraten: Wer bereits einmal durch ein in der Kurve aufs Kläglichste schluchzendes Tram (Paradeplatz!) oder durch überraschend auftauchende, beherzte Kirchenglocken innen gepackt wurde, wird mir beipflichten.

Musikhören ist für mich eine Kunst. Was könnte das Kunstfertige am so verstandenen (Musik)Hören sein? Ich meine: Immer wieder in diese innere Balance zu kommen, aus der heraus diese Hörerlebnisse, diese Mitschwing-Erlebnisse erst möglich sind. Diese innere Gestimmtheit hat mit angespanntem, konzentriertem Lauschen so wenig zu tun wie mit Schlaffheit oder tranceartiger Entspannung. Es handelt sich eher um eine lustvolle Offenheit in gutem Tonus, eine durchaus weltzugewandte, genussfähige, sich auf Genuss freuende, ihn antezipierende Haltung. Um ein Bereithalten von innerer Tiefe, in die hinein die Musik fallen kann. Musik fällt uns zu, fällt in uns hinein. Kindern, die seit Geburt schwerhörig sind, muss die Musik nahegebracht werden. Vermutlich in einem intensiveren Ausmass als normalhörenden Kindern, um zu einem vergleichbaren Ziel zu kommen. Beispiele: Geschwister lernen Instrumente, hörbeh. Kind sollte intensivere musikalische Zuwendung erhalten; Schule f. Hörbehinderte: mehr Musikunterricht als normale Schule. Die Musik ist ein so reiches und weites Gebiet, dass es praktisch nicht möglich ist, dass ein Individuum nichts von ihr aufnehmen kann. Irgendeinen Weg zu musikalischen Phänomenen gibt es für jedes Kind.

Bei Hörbehinderten, zumindest möchte ich das in Bezug auf von Geburt an Schwerhörige behaupten, finde ich den Zugang zur Musik übers Musikmachen sinnvoller als übers Musikhören (es geht um den Zugang, um das Erwecken von Wünschen und Interesse). Sinnvoller, weil es leichter ist, die Lust an Musikalischem übers aktive Tun zu wecken als übers eher passive Rezipieren. Musikmachen ist eigentlich immer möglich: Das Körperhören kann durch die Arbeit mit der Stimme gefördert werden, Rhythmisches bietet sich an. Es eignen sich nach meiner Erfahrung folgende Instrumente besonders: ein grosser Gong, zu dem man singen kann, weil man die Vibrationen des Gongs und der eigenen Stimme besonders gut spürt und hört; Klangschalen, deren Schallwellen man über den Holzboden besonders gut wahrnimmt; klangvolle und / oder rhythmische Instrumente. Und natürlich das Instrument, das wir alle haben und spielen könnten: unsere Stimme. Dazu habe ich bereits etwas gesagt.

3 Schwerhörigkeit und Identität
Vorab: Der Blickwinkel, unter dem sich die nun folgenden Ausführungen zeigen, ist der der Phänomenologie. Das heisst, ich werde Ihnen meine Ansichten zu Identität und Hörbehinderung nicht mit der Brille bestimmter Theorien (zum Beispiel von Identität) präsentieren, sondern Ihnen reflektierte Beschreibung meines Betroffenseins anbieten. Das tönt vielleicht etwas kompliziert, will aber nichts anderes heissen, als dass ich einiges von dem mit Ihnen teilen möchte, was ich persönlich über das Schwerhörigsein und seine Bedeutung für die Identität bereits gedacht habe. Zuweilen werde ich auf das eine oder andere Konzept von Identität zu sprechen kommen; Sie haben ja bereits einiges darüber gelesen.

Anknüpfend an die Worte, mit denen ich mich am Anfang der Lektion bei Ihnen vorgestellt habe, möchte ich wiederholen, dass ich jetzt einen kleinen Ausschnitt meiner Identität beleuchte: Schwerhörigkeit haben, mit ihr umgehen, mit ihr leben. Ob ich aber sage, dass ich schwerhörig bin, hängt sicher davon ab, wie ich meine Hörbehinderung interpretiere. Steht sie im Mittelpunkt vieler Bereiche meines Lebens – arbeite ich im Hörbehindertenwesen, engagiere ich mich in der Freizeit in einer Selbsthilfebewegung Hörbehinderter und publiziere ich darüberhinaus noch zur Hörbehinderung – so kann man sicher sagen, ich bin hörbehindert, es ist fester und zentraler Bestandteil meiner Identität, weil ausgiebig gelebt.

3.1 Phasen der Identitätsentwicklung Schwerhöriger (ein persönlicher und durchaus vorläufiger Versuch).
Die Einstellung zur Hörbehinderung kann sich im Laufe des Lebens ändern. Das tut sie wohl bei den meisten auch, so wie Identität generell kein starrer, ein für alle Male festzulegender Zustand ist, sondern mit ‚Prozess‘ viel besser umschrieben ist: ein komplizierter Vorgang des immer-wieder-neu-Bestimmens, wer man ist, der bis zum Tod nicht aufhört, aber unterschiedlich bewusst ist.
Ich sehe, erlebe, interpretiere und kommuniziere (das ist nicht das Unwichtigste!) die Schwerhörigkeit heute mit 35 komplett anders als mit 20, 22 und bin jetzt schon gespannt, wie sich das weiter entwickelt.

In vielen Gesprächen mit anderen Hörbehinderten bin ich zum Schluss gekommen, dass die persönlichen Entwicklungsschritte, die mein Verhältnis zur Schwerhörigkeit bis heute genommen hat, ziemlich typisch sind und bei allen individuellen Variationen bei Frühhörbehinderten, die die öffentlichen Schulen besuchten, doch recht häufig so vorkommen. Ich will darum mal versuchen, sie hier nachzuzeichnen.

Schwerhörigkeit wird selten bereits ab ihrem Eintritt vergegenwärtigbar. Das Prozedere der Diagnosestellung kennzeichnet den Beginn der Schwerhörigkeit. In meiner persönlichen Geschichte ist ‚die Diagnose‘ ein relativ wichtiges Schwellenereignis in der Kindheit, das die Ereignisse ums Hören (ich wies bereits darauf hin, dass das Hören psychisch einen grösseren Raum einnimmt beim schwerhörigen Kind als beim normalhörenden) in ein Vorher und ein Nachher teilte. Die ausgiebigen ersten Hörmessungen sind mir in deutlicher Erinnerung, was ich mir zum einen durch das intensive Erlebnis des Hörens dieser Reintöne (ich erinnere mich an die riesigen Freifeldlautsprecher meiner Kindheit, aus denen gewaltig schöne, das dreijährige Mädchen erregende, vibrierend-hörbare Töne herauskamen), zum andern dadurch erkläre, dass die Diagnose Hörbehinderung für die Eltern eines kleinen Kindes ein Schock ist, den das Kind mitbekommt. Ein weiteres ist, dass ‚die Hörbehinderung‘ (eigentlich vielmehr ‚das Hören‘) abrupt und spürbar ins Leben des schwerhörigen Kindes tritt, sobald Hörgeräte auf den Plan treten. Dann ändert sich die sinnliche Wahrnehmung ziemlich massiv (hängt aber auch vom Ausmass des Hörverlustes ab). Das Leben in zwei Welten beginnt: der gewohnten runden und stimmigen des Sehens und der relativen Stille und der neuen, ungewohnt und unangenehm tönenden. Ich persönlich habe die ersten Hörapparate als ziemlich traumatisches Ereignis in (bewusster) Erinnerung und konnte die Ressentiments gegen Hörhilfen lange Jahre nicht loswerden. Noch heute, nach doch vielen Jahren Arbeit am Thema ‚mein Hören‘ habe ich mit durchaus ambivalenten Gefühlen in Bezug auf Hörgeräte zu tun. Ich erinnere mich gern an ein Wort des verstorbenen Peter Kaufmann, der mal sagte, das Ziel der Hörgeräteerziehung sei ein autonomer Umgang mit den Geräten: Nutzen und Verzicht in sinnvoller und angemessener Art leben können. Ich kann Ihnen versichern, dieser Prozess ist aufs tiefste mit der individuellen seelischen Entwicklung verhängt und in höchstem Mass individuell. Sie können da, wo ich Ihnen einen Einblick darin gebe, wie meine Variante von ‚das Hörgerät und ich im Laufe der letzten 32 Jahre‘ aussieht, nicht auf andere Schwerhörige schliessen. Das Verhältnis zum Gerät ist, wie ich meine, zu persönlich für abstrahierende Vergleiche.

Kindergarten- und Schulzeit umschreibe ich gern mit dem Terminus ‚Versuch zu verstecken oder: das Ringen um Normalität‘. Es ging darum zu beweisen, dass man in dieser Schule (der ’normalen‘ eben) bleiben kann, denn man hat mitbekommen, dass man woanders hingehen wird, wenn man es nicht schafft. In die Schwerhörigenschule. Schwerhörigenschule? Was sind schwerhörige Kinder? Kinder, die dasselbe Geheimnis haben wie ich, Hörgeräte unterm langen Haar nämlich, die auch die Augen nicht zumachen können und die auch die Dunkelheit scheuen, nicht weil sie ihnen etwa Angst machen würde, sondern weil doch in ihr alles so viel weniger Sinn macht, oder? Kinder, die sich wie ich ungeheuer viele Phantasien machen darüber, was denn das eigentlich ist, hören, die die kleinen Geschwister bis zu einem autonomieverstärkenden Alter als ‚Dolmetscher‘ gebraucht haben (gut, wenn immer wieder kleine Geschwister nachwuchsen)? Schwerhörige Kinder … mythenumwobenes Geheimnis meiner Kindheit. Schwerhörig, das waren doch alte Leute, und offenbar ich auch. Komisch genug. Ich schämte mich sehr für die Hörgeräte und in Grund und Boden, wenn offenkundig wurde, dass ich nicht normal höre.

Ist einmal klar, dass die schulischen Leistungen kein Problem darstellen, hört die Schwerhörigkeit auf, Gegenstand der Besorgnis von Eltern und Betreuungspersonen zu sein. Ich machte diese Strategie natürlich mit. Es sollte sie an mir nicht geben, diese Schwerhörigkeit. Bei jedem Schulwechsel, und ich hatte deren einige in der Kindheit zwischen Berlin, Rom und Bülach, guckte man wieder mal kurz hin. Diese Verdrängung der Behinderung in der Latenzzeit ist nicht nur schlecht, wie ich meine. Man bekommt als Kind nachhaltig mit, dass Behinderung ein identitätsstiftender Faktor ist wie andere auch. Ich denke, mir hat es gut getan, wegen der Schwerhörigkeit nicht im Mittelpunkt von viel Aufmerksamkeit zu stehen, ich lernte für später leicht, sie zu relativieren.

In der späteren Pubertät begann jedoch eine Krisenzeit, die ich nicht als untypisch für junge Leute mit Behinderungen ansehe: Ich wusste nicht, was die Schwerhörigkeit für mein Leben bedeutet. Ich konnte nicht mehr auf die Seite schieben, dass ich in irgendeiner Hinsicht ‚komisch‘ bin, irgendwie ‚anders als alle anderen‘. Wer aber bin ich? – Die üblichen Pubertätsängste, -fragen und -krisen, die wir alle kennen, traten auf, akzentuiert durch meine Schwerhörigkeit. Behinderte Jugendliche haben eine Identitätsfindungsaufgabe (was für einen Stellenwert hat meine Behinderung?), die andere nicht haben, sie haben aber auch identitätsstiftende Angebote, die andere Jugendliche nicht haben (Gruppen Gleichbetroffener, Subkultur). Ich wäre vorsichtig damit, die Pubertät Behinderter als auf jeden Fall schwieriger zu bewerten als die Nichtbehinderter.

Bin ich, wie ich bin, weil ich schwerhörig bin? Wie sollte ich das herausfinden? Mein persönlicher Versuch bestand darin, dass ich in der ZB Dutzende von Büchern auslieh und alles über Hörbehinderungen las, was mir unter die Augen kam, ohne natürlich gültige Antworten auf die drängenden Fragen zu erhalten. (Es blieb eine brauchbare Vorbereitung aufs Studium der Sonderpädagogik.) Während Jahren engagierte ich mich in der Hörliszene, aber auch dabei fand ich nicht, was ich brauchte, sondern empfand am Schluss alle Vereinsstrukturen als einengend, verstaubt und spiessig. Keine Spur von seelischem Sichauseinandersetzen mit der Behinderung! In der Hörliszene (Schwerhörigenszene) ist auch Selbst- und Fachhilfe noch ziemlich weitgehend verknüpft, was mich damals nur zornig machen konnte. Dann probierte ich, in die gesellschaftlichen Angebote Gehörloser hineinzufinden, beschäftigte mich begeistert mit der Gebärdensprache, aber es war nicht mein Ort. Ich weiss aber von anderen Schwerhörigen, dass das Hineinfinden oder ich muss es nennen: das Sich-Identifizieren mit der Gehörlosenkultur durchaus ein gangbarer Weg sein kann.

In der Folge, nach der Matura und in den -ebenfalls normalen und schwierigen- Zeiten der Suche nach dem eigenen Weg verschärfte sich meine ausschliesslich krisenhafte Interpretation der Hörbehinderung, wie ich das hier mal nennen will. Ich dachte, ich fühlte mich nur wegen der Hörbehinderung oft unglücklich und einsam und hätte keine mich tiefer berührenden Beziehungen. Ich kam immer weniger zurecht mit meiner riesigen Scham (fürs Schwerhörigsein, wie ich meinte). Ich dachte, dass ich ja so anders als andere funktioniere seelisch, weil ich schwerhörig bin. Mit dieser unseligen Interpretation der Schwerhörigkeit konnte ich allein nicht zurecht kommen, ich brauchte da Hilfe, die mir auch zuteil wurde. Erst seit einer langjährigen persönlichen Psychotherapie kann ich davon sprechen, meine Hörbehinderung möglichst autonom und eigenständig zu interpretieren. (Ich halte es übrigens für einen Irrtum, dass die Identität mit Hörbehinderung in der Psychotherapie entsteht oder das Thema ist. Thema ist in jeder Psychotherapie die Heranbildung von möglichst erwachsener Arbeits-, Genuss- und Beziehungsfähigkeit, mit der dann die Identität bei Hörbehinderung anschliessend an die Therapie angegangen wird.)* ‚Eigenständig schwerhörig sein‘ habe ich das an anderer Stelle genannt. Für mich bedeutete das -und bedeutet es noch- ganz wesentlich, mich mit Hören und Stimme auseinanderzusetzen. Für andere bedeutet es anderes. Ich hatte das grosse Glück, ein Kurs-angebot in dieser Richtung zu finden, das mich zum einen sehr ansprach und vieles in mir bewegt und dessen Durchführende zum andern meine Teilnahme an Kursen für Stimm- und Körpererfahrungen nicht aus Angst vor Ungewohntem ablehnten. Es ist ein spannender und zutiefst richtiger Weg, kreativ und eben eigenständig mit Hören und Hörbehinderung umzugehen, und ich kann mich auch immer wieder auf neue Erfahrungen und Abenteuer mit Hören und Stimme einlassen.

Ich sagte vorhin, dass die Identität kein Zustand ist, sondern im günstigen Fall ein relatives Gleichgewicht, ein ständiger Prozess. Heute betrachte ich meine Hörbehinderung als ein Merkmal meiner Identität, für meinen Charakter und das, was mir an ihm wichtig ist, nicht ein inhaltlich wichtiges, aber eines, das leider Gottes viel Raum einnimmt, weil ich um der Klarheit und Transparenz willen die Schwerhörigkeit im Alltag oft deklariere. Heute, wo ich einigermassen klar komme damit schwerhörig zu sein (u.a. darum, weil ich for heavens sake nicht nur das bin…), kann ich die gesellschaftliche Dimension einer jeden Behinderung sehen und gewichten. Ich will nicht behaupten, dass ich nur und immer souverän damit umgehe schwerhörig zu sein. Oft ärgere ich mich darüber, bisweilen schäme ich mich dafür und stehe nicht zu mir, vor allem in grossen Gruppen „oute“ ich mich eher selten.

4 Persönliches Fazit und Plädoyer für einen spontanen und undogmatischen Umgang mit der Hörbehinderung
Ich möchte nachdrücklich dafür plädieren, dass der sogenannte Umgang mit der Hörbehinderung bei uns Hörbehinderten selber weder etwas ein- für alle Male Fixierbares, noch etwas Dogmatisches, noch immer gleich sein kann. Spontaneität ist nötig, sonst wird die Hörbehinderung zur sich einfressenden Maske, wird die Identität, die sich ja auch stetig wandelt, zum starren Gefängnis. Ich finde Hörbehinderte, die wie ein lebendes Merkblatt auftreten, immer etwas traurig. Spontaneität heisst: In einer Situation bin ich offen, sage irgendwie: ich höre nicht gut oder so etwas, weil mir das dann gerade richtig so scheint. Einige Momente später schweige ich aber, frage nicht nach oder nicke jaja oder antworte unverbindlich, weil ich nicht nachkomme, worum es geht. Man kann als BehinderteR vielfältige Möglichkeiten wahrnehmen, wie man die Behinderung lebt oder agiert (agieren hier nicht im psychopathologischen Sinn gemeint, obwohl auch das vorkommt, häufig sogar).

Auch wenn wir Hörbehinderten bezüglich Auffälligkeit und Unmittelbarkeit der Behinderung in einer anderen Lage sind als sichtbar Behinderte (erst, wenn’s ans Reden und Hören geht, sind wir beim Hörbehindertsein zu ‚ertappen‘), gilt meiner Meinung nach auch für uns, dass wir uns eine von mir aus bisweilen ganz und gar unbewusste, unsouveräne Mutwilligkeit oder eben Spontaneität gönnen sollten, aber was heisst hier ‚gönnen‘: Die meisten können ja gar nicht anders als manchmal toll souverän sein, manch-mal zum Heulen blöd dastehen und nur noch wegwollen, manchmal wütend sein, manchmal etwas vorspielen, manchmal witzig sein und die Schwierigkeiten spielerisch nehmen und darstellen. Und weil die meisten von uns gar nicht anders können als vielfältig und widersprüchlich sein, sollten wir auch ein wenig mild und nachsichtig mit uns sein und auch die ’nicht so filmreifen Bewältigungsstrategien‘ leben lassen. Ich finde es bezüglich psychischer Gesundheit nicht unproblematisch, wenn ein Behinderter gewissermassen zu einer öffentlichen Figur erstarrt und nur noch den ‚Behinderten auf der Bühne‘ gibt. Da gerinnt eine Maske zum Gesicht, die Behinderung ist immer nur Teil der Identität und sollte nie für die ganze stehen. Deshalb plädiere ich für eine Spontaneität und Mutwilligkeit im persönlichen Umgang. Wie man sich als Behindertengruppe im sozialpolitischen Feld artikuliert und einbringt, ist eine ganz andere Frage, die anders beantwortet werden muss.

5 Weitere kürzere Bemerkungen
Kinder, die seit jeher schwerhörig sind, also in Bezug aufs Hören kein anderes Selbsterleben kennen, interessieren sich in der Regel intensiv für das Hören. (Es wäre übrigens interessant zu untersuchen, ab welchem Hörbehinderungs-onset-year Kinder sich an ‚vorher‘ zu erinnern vermögen.) Von Geburt auf schwerhörige Kinder erleben das Hören ab und zu oder immer, aber flüchtig – wie immer: sie haben Höreindrücke und suchen solche auch aktiv auf. Das Hörerleben ist aber akzentuiert und nicht selbst-verständlich, nicht passager und selbsterklärend wie in der Regel bei normalem Gehör. (Der Sachverhalt ist nicht ganz so klar unterscheidbar, natürlich müssen auch dem normalhörenden Kind Geräusche etc. erklärt werden, aber man kann davon ausgehen, dass die Intuition von hörenden Eltern das wunderbar bewältigt und die Aufgaben eigentlich keiner weiteren Reflexion bedürfen. Item. Das ist hier nicht mein Thema.)

Bisweilen ist das Interesse schwerhöriger Kinder am Hörbaren von Angst geprägt. Die Angst entspringt oft ungenügend begleiteter Faszination und Hilflosigkeit, oder sie ist Ausdruck der Ambivalenz, die besteht angesichts der selber erlebten Faszination und des Schmerzes und der Tabuisierung durch die Eltern. Eine mir ganz zentral scheinende und schwierige Aufgabe, die sich bei einer Schwerhörigkeit eines Kindes stellt, ist nun die folgende: Die natürliche und gesteigerte Neugier des Kindes auf akustische Ereignisse in einem lust- und liebevollen Sinn auffangen und befriedigen resp. das Kind zunehmend zu befähigen sie selber zu befriedigen. Ohne Programm, Verbissenheit und Förderung. Die seelische Grundeinstellung der relevanten Personen (Eltern, weitere Umgebung des Kindes) scheint mir der wichtigste und der verletzlichste Punkt. Wo gibt es ein Elternpaar, welches die Diagnose Behinderung nicht als traumatisch erlebt und die gängige Umgangsweise, Interpretation mitmacht (Therapie, Hörgeräte, Beratung) und auch die Sprache, den Diskurs mitmacht. Die für unseren Begriffe normale Interpretation der Hörbehinderung ist damit gespurt (behindernd, schlimm, sollte eigentlich nicht sein), und ihr kann sich das Kind nicht von sich aus entziehen, denn es übernimmt zunächst die Definitionen der Eltern. (Auseinandersetzen kann es sich später als ErwachseneR).

Wie können Eltern, die sich getroffen fühlen durch den Schaden am Kind, sich selber und damit dem Kind helfen? Ich meine, dieses Sich-Getroffenfühlen soll man nicht weg’machen‘ wollen. Die allermeisten Eltern kämpfen mit seelischen Stürmen, wenn sie ein Kind haben, dessen Gesundheit nicht normal ist und es auch nicht wird (ich denke, da gibt es noch Unterschiede zwischen Behinderung und Krankheit). Eltern sollten routinemässig die Möglichkeit erhalten, sich mit ihrem Schmerz auseinanderzusetzen. Die psychotherapeutische oder besser: psychohygienische Beratung der Eltern sollte in der Frühförderung ganz wichtig sein.

Vortrag gehalten am HPS Zürich, Abt. Hörgeschädigtenpädagogik, 1999
Autorin: Barbara Schmugge
Dieser Vortrag wurde mir mit freundlicher Genehmigung der Autorin zur Veröffentlichung überlassen.

Publikationen von Barbara Schmugge:
Was Taubheit bringt – ein paar Gedanken gegen den Strich. IN-Forum, Zeitschrift der Pro Infirmis, 2/95, S. 46-49.

Einige Überlegungen zur Nützlichkeit von Taubheit. In: H.U. Weber (Hrsg.)(1997): Turbenthaler Psychotherapietage 1995, Hörgeschädigten-Pädagogik, Beiheft 40, S. 49-58.

Ansichten vom Hören. Ein Versuch über verschiedene Hörerlebnisse und Hörerfahrungen. In U. Hoffmann und H.U. Weber (Hrsg.)(1998). Reden über die Stummheit. Festschrift zum 75. Geburtstag von Aron Ronald Bodenheimer . Hörgeschädigten-Pädagogik, Beiheft 42, S. 125-130. „)

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