Shalom Klezmer Konzertbericht

DER GANZE TANZ DES LEBENS IN DUR UND MOLL

Gärtringen: „Shalom Klezmer“ spielen Benefizkonzert für ein Projekt im afrikanischen Lesotho

Von Rüdiger Schwarz

Klezmer, die Musik der osteuropäischen Juden, verströmt einen eigenwilligen, faszinierenden Zauber. Die Welt der ostjüdischen Schtetl ist längst versunken, doch ihre volkstümlichen Klänge gingen um die Welt, saugten sich mit vielen musikalischen Einflüssen voll. Klezmer ist Weltmusik im besten Sinne des Wortes. Das Ensemble „Shalom Klezmer“ bringt bei seinem Gastspiel in der Gärtringer St.Veit Kirche Weisen, Tänze, Suiten und Lieder zwischen Freude und Trauer zu Gehör.

Piano, Cello, Violine und Klarinette, mehr braucht es nicht um einer Musik zu frönen deren Rhythmik und Klangfarben so völlig animage001ders sind als die überkommene Musik des westlichen Europas. Die entfesselte Dynamik so mancher traditioneller Tanzstücke der Klezmer-Musik erinnert zuweilen an die mitreissend vulkanartige Energie der Jigs und Reels des keltisch-irischen Folk. Und so spielt sich das Quartett nicht nur einmal in einen euphorischen Rausch hinein. Schnell wird einem klar dass die vier Instrumentalisten den Klezmer leben mit Seele und Gefühl, mit jeder Körperfaser. So fühlt sich der Zuhörer wie inmitten einer ausgelassenen, heiter-fröhlichen Hochzeits- und Festgesellschaft. Mal springt einem das Herz vor Freude über, mal schiesst pure Leidenschaft durch die Adern, zwischendurch zwinkert man sich neckisch zu, dann flattern verliebte Schmetterlinge durch den Bauch, mitunter gewinnt eine leise Wehmut die Oberhand, gibt man sich einer verträumten Sehnsuchtsmelodie hin oder schwelgt über bittersüsse und zartwiegende Takte in Melancholie.

Wolfi ManiIn St. Veit verabreicht das versierte Ensemble musikalisch den ganzen Kuchen des Lebens, von  himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt, freudvoll und leidvoll. Das verlangt den Klezmorim von „Shalom Klezmer“ einiges ab, schliesslich bestechen die Weisen und Tänze durch eine atemberaubende, orientalisch-arabesk anmutende Polyrhythmik. Auf geschmeidige, elegische Glissandi folgen feurig-knitze synkopierte und triolische Takte. Ehe man sich versieht, schlägt ein empfindsames und feinsinniges Adagio in ein schwindelerregendes Prestissimo, ein eruptives Fortissimo um. Dann flitzt der Bogen nur so über die Saiten der beiden Streichinstrumente, die Finger sausen über die Klarinette.

Neben einer Fülle an Tempiwechseln changieren viele der vorgetragenen Stücke zwischen Dur und Moll, was zu den typischen Markenzeichen der Klezmer-Weisen und der chassidischen Melodien zählt. Selbst wenn so eine Suite einmal merklich traurig, seufzend und klagend ans Ohr schleicht, schwingt da doch etwas Tröstliches, Versöhnliches und Mutmachendes mit.

Ab und an scheint im Reigen der Tänze eine Polka, ein Walzer, ein Csardas, gar ein Tango durchzuklingen – viele Einflüsse bereichern die jüdische Volksmusik aus Osteuropa. Dicht am Puls des alltäglichen Lebens, nah am Wasser menschlicher Gefühle, aber auch der religiösen Praxis gebaut, fängt Klezmer-Musik viele Stimmungen und Geschichten ein. In erheiternder Regelmässigkeit sitzt dem Quartett der Rhythmus-Schalk im Nacken, etwa beim kessen und kecken „Katzensprung“ oder der sich schnippisch wiegenden Weise „Als der Rebbe lacht“ mit ihren gewitzt-charmanten vokalen Lautmalereien. Populäre Klassiker, die sich längst in das kollektive, internationale musikalische Gedächtnis eingegraben haben, dürfen an so einem Abend nicht fehlen.

Mit im Gepäck findet sich das beliebte hebräische Volkslied „Hava Nagila“ und das israelische Volkslied „Shalom Chaverim“. Beide geben einem eine ansteckende friedvolle Heiterkeit an die Hand. Richtig zeitgenössisch wird es dann mit dem Titelmotiv zum Spielberg-Film „Schindlers Liste“. Der wunderschöne und zarte Schmelz dieser Elegie gelingt der Klezmer -Truppe sehr innig, sorgt für Gänsehaut, kommt dem Original, dem von Itzhak Perlman gespielten Violinsolo, ergreifend nahe.

Verbindung mit dem „Du“

IMG_3550Der Tanz des Lebens dreht sich in immer neuen Runden weiter. Ob auf wendigen Samtpfoten, unter aphrodisierender Glückseligkeit, tranceartigen Sphärenklängen, melodischem Liebreiz, prägnanter Rhythmik, sich verzehrender Sehnsucht oder brodelnder Vitalität. Diese Musik „von Herzen fürs Herz“ wendet sich dem Gegenüber zu, sucht die Verbindung mit dem „Du“. Und das irgendwo zwischen dem Liedtext von „Hava Nagila“ und einem Gedicht der deutsch-jüdischen Else Lasker-Schüler. „Lasst uns glücklich sein. Lasst uns glücklich sein. Lasst uns glücklich und fröhlich sein. Erwachet Brüder, erwachet Brüder.“

Mit einem glücklichen Herzen fordern die Strophen von „Hava Nagila“ auf. Else Lasker-Schüler hebt in “Ein alter Tibet-Teppich“ an – „Deine Seele, die die meine liebet, ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet. Strahl in Strahl, verliebte Farben, Sterne die sich himmellang umwarben. Unsere Füsse ruhen auf der Kostbarkeit. Maschentausendabertausendweit.“

Das Gedicht erschien im Lyrikbändchen „Meine Wunder“. Wunder und Lebenselixier ist auch das Konzert in der St Veit Kirche, ein Wunder der Verschwisterung durch die Kraft der Musik, so tanzt man zwischen den Kirchenbänken, offen und ohne Harm: pures Klezmer-Gefühl, Lebensfeier satt.

 

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