Touch the sound

 

A SOUND JOURNEY WITH EVELYN GLENNIE

Dokumentarfilm von Thomas Riedelsheimer

Die ersten Sinneseindrücke für einen Menschen sind wohl Vibrationen, Rhythmen und Töne, lange bevor das Auge erwacht. Das eigene Herz verbindet uns mit der Welt – es ist unser individueller Taktgeber. Sein Schlagen erzählt von uns und unseren Krankheiten, von Ängsten und Sehnsüchten. Sein Rhythmus ist die wichtigste Maßeinheit der Musik. Die Beziehung von Puls und Musik ist wechselseitig und vielschichtig. Musik kann heilen, deprimieren, entfesseln und aus dem Herzen sprechen. Unser Herz verlangsamt oder beschleunigt sich zum Rhythmus der Musik, die wir hören. Der Körper scheint sich mit den Schwingungen der Umwelt zu synchronisieren. Wir sind eingebettet in ein Universum von Zyklen und Rhythmen.

Jeder Klang ist ein Universum für sich. Der erste Schlag, das feine Timbre, der Nachhall, der Übergang in die Stille und der Klang der Stille. Rhythmus ist Bewegung, Fliessen, Veränderung, Erneuerung und Wiederholung. Unsere Erfahrung von Zeit basiert auf Rhythmus. Nichts existiert ohne Schwingungen, ohne Bewegung, Unsere Vorstellungen von Stabilität und Festigkeit sind Illusion. Alles bewegt sich, alles schwingt, von der Brücke aus Stahl und Beton bis zu den Energiefeldern der Atome. Wir erkennen und erfahren die Weit durch Schwingungen, durch Rhythmus – sogar die Farben oszillieren in verschiedenen Frequenzen. Alles vibriert, alles spricht – ein Universum des Klangs.

Die gehörlose Perkussionistin Evelyn Glennie lebt auf eine Weise in diesem Universum wie kaum jemand sonst. Touch the Sound will zusammen mit ihr in diese Weit des Klangs und der Rhythmen eintauchen.

Die Entstehungsgeschichte von Touch the Sound und Thomas Riedelsheimers letztem Film Rivers and Tides – Andy Goldsworthy Working with Time berühren sich an einem zentralen Punkt. Es war Andy Goldsworthy, der Riedeisheimer eine CD von Evelyn Glennie gab. Ihre Musik begleitete Thomas Riedelsheimer dann während der langen Phase des Rohschnitts von Rivers and Tides.

Ich kannte Evelyn damals noch nicht, aber die Dynamik ihres Spiels, die Wärme des Klanges und die wechselhaften Stimmungen der Interpretation blieben mir nachhaltig im Gedächtnis.

Im Sommer 2001 besuchte ich ein Solokonzert von Evelyn Glennie in Cheltenham. Schon nach wenigen Minuten wusste ich, dass ich meinen nächsten Film über Evelyn und diese Welt der Klänge machen wollte.

Ich habe noch nie einen Menschen kennen gelernt, der eine so fein ausgeprägte Sensibilität für die Qualität von Klängen hat wie Evelyn. Wenn sie ihrem fast zwei Meter großen Tam-Tam einen über mehrere Minuten langsam anschwellenden Ton entlockt, der den ganzen Körper wie eine Flutwelle zu erfassen scheint, ist das ein elementares Erlebnis. Ihre Energie und diese unfassbare Fähigkeit, mit dem ganzen Körper und allen Sinnen zu hören, war faszinierend.

Ich wollte mit der Kamera in ihre Weit hineinhören. Hinhören und mich berühren lassen.

Evelyn Glennie von der Idee dieses Films zu überzeugen, fiel Thomas Riedelsheimer relativ leicht. Sie hatte Rivers and Tides gesehen und vertraute ihm.

Die mehr als einjährige Vorbereitungszeit beschreibt Thomas Riedelsheimer als einen Prozess des Wahrnehmens:

Ich bin erst einmal mit offenen Ohren und Augen durch die Welt gegangen. Vieles ergibt sich dann von selbst. Auf einmal war ich fasziniert vom Muster eines Kondensstreifens am Himmel, der sich in einem dunklen Teich widerspiegelte. Als meine Tochter einen Stein hineinwarf, löste sich der gerade Streifen in einer Welle auf – die Weit ist voll von solchen unglaublich schönen Bildern, die mich immer wieder daran erinnert, wie wenig von der Welt wir eigentlich wahrnehmen.”

Den Klang berühren – so beschreibt Evelyn Glennie, als Solo-Perkussionistin ein Weltstar der klassischen Musik, das Hören. Nachdem sie in der Kindheit ihr Gehör weitgehend verloren hatte, lernte sie, anders zu hören, den Körper als Resonanzraum zu nutzen, den Klang zu spüren.

Regisseur Thomas Riedelsheimer und Evelyn Glennie begeben sich auf eine Expedition ins Innere dieser Klangwelten. Ausgehend von einer alten Fabrikhalle in Dormagen, wo Evelyn mit Fred Frith ihre erste CD mit improvisierter Musik aufnimmt, unternimmt der Film eine Reise um die Welt, nach Japan, Kalifornien, New York und Schottland. Während dieses Films beginnen wir, Bilder zu hören und Klänge zu sehen.

Ausgangspunkt der Klangreise sind Geräusche, Klänge und Rhythmen, die uns im täglichen Leben umgeben – das Klackern der Kofferrollen auf einem gläsernen Flughafendeck, das Schwirren und Brummen der endlosen Reihen von Klimaanlagen in den Häuserschluchten von New York, das Echo der Nebelhörner in Nordkalifornien, das Stimmengewirr in einer japanischen Kaufhalle. Von dort führt der Weg tiefer, zur Entstehung und den Ursprüngen des Klangs, zur Erkundung des Rhythmus als Grundlage jeder Lebensform, vom Atem zum Herzschlag, von der Stille zur Musik, vom Hören zum Sehen und Fühlen, von der Schwingung zur festen Materie.

Die Klangbilder, Rhythmen und akustischen Erinnerungen verweben sich mit den musikalischen Begegnungen Evelyn Glennies:

Eine Jam-Session mit dem legendären Drummer Horacio Hernandez auf dem Dach eines Wolkenkratzers, die wilden Trommeln der japanischen Taiko-Gruppe Ondekoza, ein Duett mit der Stepptänzerin Roxanne Butterfly, das faszinierende Zusammenspiel mit Fred Frith.

Thomas Riedelsheimer: www.filmquadrat.de

Fred Frith:

Geboren 1949 im englischen Heathfield. Fünfjährig begann Fred Frith Violine zu spielen, wenig später kamen Klavier und Gitarre dazu. Während seines Studiums in Cambridge gründete er 1968 mit dem Saxophonisten Tim Hodgkinson die Indipendent-Band Henry Cow. Nach deren Auflösung ging Frith 1979 nach New York, wo er mit Künstlern der Downtown-Szene um Tom Cora, Bob Ostertag, lkue Mori und John Zorn in Kontakt kam.

Die Arbeit von Fred Frith ist vielfältig. Er gründete unterschiedliche Formationen und komponierte für Film und Bühne. Frith zählt heute zu den führenden Persönlichkeiten der improvisierten Musik.

1990 drehten Nicolas Humbert und Werner Penzel den vielfach preisgekrönten Dokumentarfilm Step Across the Border (Verleih LOOK NOW!) über Fred Frith und seine Musik. Die Zusammenarbeit mit Thomas Riedelsheimer begann mit Rivers and Tides (Verleih LOOK NOW!), für den Fred Frith die Filmmusik schrieb.

www.fredfrith.com

Evelyn Glennie:

Sie wurde in den 80er-Jahren zur ersten Solokünstlerin für Perkussion in der klassischen Musik. Mittlerweile gibt sie mehr als 100 Konzerte im Jahr, hat mit unzähligen Orchestern und Dirigenten von Weltrang zusammengearbeitet.

Mit ihrer Autobiographie GoodVibrations gelang ihr ein Bestseller, in der BBC hat sie zwei eigene TV-Programme. Dazu kommen ihr Engagement im sozialen Bereich und ihre umfangreiche Lehrtätigkeit. Für ihr Engagement wurde sie viel fach ausgezeichnet, zuletzt von der Universität in Edinburgh, mit dem Mark Hatfield Leadership Award für ihre Verdienste in der Arbeit mit gehörlosen Kindern.

In Touch The Sound wagte sich Evelyn Glennie auf ein für sie weitgehend neues Gebiet, als sie mit Fred Frith erstmals eine CD mit improvisierter Musik aufnahm. Die Zusammenarbeit mit Fred Frith, den sie erst wenige Tage vor Dreh- und Aufnahmebeginn kennengelernt hätte, setze sich inzwischen mit einer Reihe von gemeinsamen Konzerten fort.

www.evelyn.co.uk

Aussagen im Film:

Evelyn:

Mein ganzes Leben dreht sich um Klang. Das macht mich erst zum Menschen. Oberall ist Klang. Wir müssen hinhören, das ist alles.

Man meint, Schlagzeuger hauen nur irgendwo drauf, aber wenn man andere Musiker sieht, einen Sänger zum Beispiel, wo der Klang aus dem Zwerchfell kommt – von unten heraus, nicht einfach aus dem Mund, da hat das Atmen ungeheure Bedeutung.

Auf Japanisch heißt leben ”ikiru” und kommt von ”iki o suru”, atmen.

Man muss den Klang viel tiefer suchen, tief unter der Oberfläche.

Hören ist eine Form der Berührung.

Einen Klang, der auf einen zukommt, kann man spüren, als könnte man die Hand ausstrecken und ihn anfassen. Man fühlt ihn im ganzen Körper, manchmal schlägt er einem ins Gesicht.

Ich bin im Nordosten Schottlands geboren, auf der Farm meines Vaters.

In der Grundschule stellte sich heraus, dass ich bei Gesprächen langsam reagierte oder nicht alle Hausaufgaben mitbekam.

Aber als Achtjährige denkst du nicht, dass du taub werden könntest. Irgendetwas stimmt halt nicht ganz, und du stellst dich drauf ein. Inzwischen spielte ich Klavier, mit acht hab ich angefangen. Es hat mir unheimlich Spaß gemacht.

Aber mit elf brauchte ich  ein Hörgerät, und als ich zur Oberschule sollte, sagte   der Ohrenarzt: Sie ist schwerhörig, sie braucht ein Hörgerät, sie kann keine Musik machen, sie kann dies nicht und das nicht, sie muss auf die Gehörlosenschule.

Das ist schon verrückt: bevor du da rein gehst, kannst du alles machen, und eine halbe Stunde später sagen dir die Ärzte, dass du vieles nicht mehr tun kannst.

Für meine Eltern war es ein Schock, aber mein Vater hat gesagt: Das ändert nicht das Geringste daran, was sie tut oder tun will. Schwerhörig oder nicht, sie wird tun, was sie tun will.

Ich bin weiter auf die normale Schule gegangen. Ich hatte wunderbare Freunde und gute Lehrer. Die trugen ein kleines Mikrofon, so konnte ich sie durch mein Hörgerät hören.

Der musikalische Unterricht war sehr gut, und ich wollte noch ein Instrument neben dem Klavier lernen. Ich dachte, Schlagzeug sieht interessant aus, das probier ich mal.

Mein Perkussionslehrer, zu dem ich kam, als ich zwölf war, schlug deshalb vor, dass ich die Hände an die Wand des Übungsraums lege, und dann spielte er zwei alte handgestimmte Kesselpauken, die in großen Tonabständen gestimmt waren.

Ich legte die Hand an die Wand – und er auch.

Er hat auf eine Trommel geschlagen und gefragt, wo spürst du diese Trommel?

Ich spüre sie von hier und durch die ganze Hand, dann schlug er auf die andere Trommel, die hab ich von hier bis hier gespürt.

Und allmählich hat er die Tonabstände verringert und ich habe die kleinsten Unterschiede im Körper gespürt.

So hab ich zum ersten Mal den Körper bewusst als eine Art Resonanzkörper benutzt.

Wir Gehörlosen hören den Klang, weil wir ihn spüren, viel länger als jemand im Publikum. Eigentlich hören wir mehr.

Manchmal drück ich den Bauch gegen die Trommel, damit ich den Klang besser spüren kann.

Frage: Sie können Lippen lesen und haben einen Rest Gehör, aber wie kann man als Schwerhörige Musikerin werden? Wie hören Sie das?

Antwort: Ich höre mit dem Körper, indem ich mich dem Klang öffne.

Fred:

Ich denke, wie wir atmen, macht einen großen Teil unseres Wesens aus.

Als ich Lungenentzündung hatte, wollten sie mit der Videokamera in meine Lunge schauen. Sie legten mich in ein Zimmer, und ich musste ein Mittel einatmen, um Luftröhre und Lunge zu betäuben.

Ich steckte gerade in der Arbeit an einem Streichquartett und kam nicht recht weiter.

Ich atmete also durch die Maske ein und war plötzlich total aufgeregt, denn auf einmal wusste ich den Anfang des Quartetts, und statt mich auf die Lungenspiegelung vorzubereiten, rief ich: Papier und Bleistift, schnell!

Mit einer Hand hab ich geschrieben und dabei durch die Maske geatmet.

Männer in grünen Kitteln sind gekommen, haben mir was in den Hals gesteckt und auf einen Bildschirm gestarrt.

Ich dachte, haut ab, damit ich weitermachen kann.

Richard Long hat mal gesagt: Künstler sind Leute, die sich ihre kindliche Energie bewahrt haben – dieses Gefühl, etwas zum ersten Mal zu sehen oder zu hören und davon begeistert zu sein.

Diese Freude sollten wir uns erhalten, sie ist etwas Großartiges.

Letzten Endes geht’s ums Zuhören. Punkt. Es beginnt mit Zuhören und endet damit.

Von Anfang an ist unser Leben voller Klänge und sie bleiben irgendwie in uns.

Wenn man die Klänge bewahrt, verliert man die Erinnerung nie.

In der musikalischen Improvisation – in der Geschichte, die du damit erzählst – steckt dein ganzes Leben bis zu diesem Augenblick.

Evelyn:

Stille ist sicher einer der lautesten und schwersten Klänge, die man erleben kann.

Der Gegensatz zum Klang ist sicher nicht die Stille, jedenfalls nicht für mich.

lch vermute, es ist etwas Statisches.

Ich kann mir nichts vorstellen, was dem näher käme als der Tod.

Mum hat immer Noten gebraucht, während Dad einfach drauflos spielen konnte.

Ich habe damals nach Gehör gespielt, und Dad hat mich darin bestärkt. Mum wollte immer, dass wir nach Noten spielen.

Dad hat aufgehört zu spielen, als meine Brüder und ich auf die Welt kamen. Ich hab keine Ahnung, warum. Es gab nur eine Ausnahme, am Weihnachtsabend. Meine Mutter spielte Orgel bei der Christmesse, und wenn sie meine Brüder mitnahm, war ich mit Dad auf der Farm allein.

Da hat er das Akkordeon rausgeholt. Ich hab gesagt: Bitte, bitte spiel, und dann wollte ich es auch probieren. Aber hinter dem Riesending bin ich beinahe völlig verschwunden.

Sicher war ich Daddys Liebling, und ich habe ihn über alles geliebt.

Als er starb, war das ein furchtbarer Verlust, aber gleichzeitig hab ich gespürt, dass er mir etwas Besonderes mitgegeben hat, das mich vorantreibt, eine Kraft, die mir sagt, ich muss mich zusammennehmen und versuchen, das Beste aus meinem Leben zu machen. Eine Zeit lang war es, als würde ich alles nur für ihn tun.

Um von zu Hause weggehen zu können, musste ich bestimmte Dinge mitnehmen, selbstgemachte Marmelade oder so was, das ist heute auch noch so. Aber wirklich wichtig ist das Gefühl, Dad in mir zu haben.

Meine Rolle hier ist es, die Kraft des Klangs spürbar zu machen.

Alles muss man irgendwann loslassen, so wie deine ganze Musik verschwinden wird. Aber kein Klang geht verloren, sie schwingen weiter – es ist wie mit einem Leben.

Ob du musizierst, tanzt oder Kunst machst, immer geht es um Berührung. Berührung ist Kommunikation.

Wir brauchen alle unsere Sinne, damit ein einzelner funktioniert. Wenn das Sehen wegfällt, geht es trotzdem. Wenn das Hören wegfällt, geht es trotzdem. Alle anderen Sinne werden zu dem einen, den man verloren hat.

Darum geht es beim mysteriösen Sechsten Sinn. Es entsteht eine neue Art Sinn, von dem wir nichts wissen, bevor wir den einen oder anderen Sinn verlieren.

Wenn ich plötzlich kein Schlagzeug mehr spielen könnte, würde ich nicht aufhören, Musikerin zu sein, nur weit ich nicht mehr über Schlaginstrumente kommuniziere.

Ich bin immer Musikerin, das ist so tief in mir drin, das kann mir niemand wegnehmen. Wir brauchen Nahrung und Schlaf und wir brauchen Musik, sie ist sowieso ständig in dir.

Jeder hat seinen individuellen Klang. Wir sind einzigartig konfiguriert. Wir unterscheiden uns im Gewicht, in unserer Körperhaltung, wir haben unterschiedliche Technik, gehen unterschiedlich an die Instrumente heran, aber was noch wichtiger ist – wir hören den Klang in uns selber unterschiedlich.

Ein Musikstück besteht aus verschiedenen Tönen, Rhythmen, Lautstärken, und genauso ist es mit der Weit, all die vielen verschiedenen Menschen, alle Arten, unterschiedlich laut, unterschiedlich alt, unterschiedliche Sprachen.

Stell sie dir alle auf einem Blatt Papier vor – als Punkte auf einem Notenblatt, dann wird es doch aufregend, Teil davon zu sein, und auf einmal versteht man: Wir sind der Klang.

Ausgezeichnet mit dem Hauptpreis der Semaine de la Critique am Filmfestival Locarno 2004, und der Goldenen Taube am Internationalen Dokumentarfilmfestival Leipzig 2004.

TOUCH THE SOUND -A SOUND JOURNEY WITH EVELYN GLENNIE

Dokumentarfilm von Thomas Riedelsheimer D/UK 2004, 100 min.

Filmverleih www.looknow.ch

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