Was der Musiktherapie innewohnt


von U. Baer

Wenn ein Mensch Klänge hört, dann ruft das in ihm etwas hervor. Wenn wir dem Rauschen des Meeres lauschen, oder beim Schreien eines Babys aufmerken, wirken diese Klänge in uns, beeinflussen unser Erleben und Verhalten. Viele Menschen nutzen dies. Sie hören eine bestimmte Musik, um in Schwung zu kommen oder aus einer schlechten Laune wieder aufzutauchen oder um, z. B. wenn sie traurig sind, dieser Trauer einen Rahmen zu geben, eine Atmosphäre, eine Würdigung.

Dass Klänge das Erleben und Verhalten von Menschen beeinflussen, ist altbekannt. Schon die Urmenschen werden gewusst haben, dass, wenn sie neue Vogelstimmen hörten, der Frühling nahte und die Not des Winters sich ihrem Ende zuneigte. Sie hörten die Geräusche der Tiere und wappneten sich zur Verteidigung oder zur Jagd. Fischer hören, auch wenn sie abends im dunklen Zimmer sitzen, am Geräusch des Windes, wie sich das Wetter verändert. Bei all dem geht es nicht nur darum, Informationen aufzunehmen und sie, wie eine Datei im Computer, abzuspeichern. Es geht um mehr: Geräusche beeinflussen das Erleben und sie können wichtige, ja existenzielle Bedeutung für den Menschen haben. Der andere Klang des Windes kann darüber entscheiden, ob ein Schiff in Seenot gerät oder nicht. Das Zwitschern eines Frühlingsvogels kann Hoffnung erwecken, dass die Zeit der Dunkelheit und der Depression zu Ende geht. Das Kreischen von Bremsen ruft Angst und Schrecken hervor und bewirkt vorsichtiges Verhalten. Das Wimmern eines Babys bewirkt Impulse des Helfens und Unterstützens. Klänge beeinflussen das Erleben der Menschen und diesem Erleben entspringen Regungen, die in Verhalten, in Stimmungen, in Gefühle und anderes mehr münden können. Menschen setzen dies absichtsvoll ein: der Klang der Kirchenglocken soll Menschen bewegen, an Gott zu denken und in die Kirche zu kommen, die Kaufhausmusik soll bewirken, dass die Kunden mehr kaufen. Manchmal gelingt dies, manchmal nicht.

Die Wirkungen der Klänge auf das Erleben der Menschen therapeutisch einzusetzen, um Krankheiten zu heilen oder zu lindern, ist die älteste Form der Musiktherapie. Menschen nehmen Musik und Klänge auf, rezipieren sie. Diese Art der Musiktherapie wird rezeptive Musiktherapie genannt. Uns ist wichtig, dass diese Art von Musiktherapie nur ein Aspekt der musiktherapeutischen Interventionen ist, dass die von den TherapeutInnen ausgewählte Musik von den Klientinnen nicht nur passiv wahrgenommen wird, sondern dass sie eingebettet wird in den Dialog mit der Therapeutin oder dem Therapeuten und dass die Klientinnen Möglichkeiten finden, die Wirkungen des Erlebens in irgendeiner Weise auch zum Ausdruck zu bringen, z.B. durch Worte, durch Schreiben, durch Malen, durch Bewegung, durch andere musikalische Impulse.

Rezeptive Musiktherapie wirkt von außen nach innen (Richtungs-Leibbewegung). Genauso gut erleben wir Menschen in unseren Alltagserfahrungen, dass Klänge, Töne, Stimmen die umgekehrte Richtung von innen nach außen nehmen. Jede Sprache, jedes Wort, jeder Seufzer, jedes Stöhnen, jedes Summen ist ein Klang, der von innen nach außen kommt. Oft ist uns der innere Ursprung, die innere Quelle, der innere Ausgangspunkt dieser Klänge nicht bewusst. Machen Sie ein Experiment: Schließen Sie für 30 oder 60 Sekunden die Augen und hören Sie nach innen, lauschen Sie dem, was in Ihnen ist, welche Klänge, weiche Töne, welche Geräusche, welche Worte, welcher Rhythmus, welche Melodien in ihnen aufsteigen. In den meisten Fällen werden Sie etwas hören. Wenn Sie dann versuchen, diesem mit Hilfe eines Instrumentes oder mit Hilfe Ihrer Stimme einen Ausdruck zu geben, dann haben Sie inneres Erleben verklanglicht, sind Sie den Weg des Klanges von innen nach außen gegangen. In unserer therapeutischen Arbeit fördern und unterstützen wir diesen Weg, so oft und so gut wir können: Finde für deine Stimmung einen Ton“, „Spiele deinen Ärger auf einem Instrument“_Nimm das wahr, was jetzt ist. Wie klingt es?“ Jedes Erleben kann auch klanglich seinen Ausdruck finden, Klänge finden. Das Tönen ist eine Regung des Erlebens, eine Leibregung.

Diese Leibregung beginnt sehr früh. Von den ersten Minuten, ja manchmal Sekunden des Lebens an, geben Säuglinge Töne von sich, erklingen. Sie geben Signale, Signale, denen man ihr Erleben anhört, wenn man gewillt ist, zu lauschen und diese Töne ernst zu nehmen. Wir bezeichnen Tönen deshalb auch als primäre Leibbewegung neben dem Greifen, Lehnen, Schauen und Drücken. Sie ist eine der fünf frühesten und wichtigsten Bewegungen des Erlebens,

Diese primäre Leibbewegung kann in vielerlei Hinsicht Kindern, Jugendlichen und erwachsenen Menschen abhanden kommen. Sie verstummen, sie finden für das, was in ihnen klingt, keinen Ausdruck mehr oder haben auf Grund schlimmer Erfahrungen Angst, diesem Ausdruck zu verleihen. Sie finden keine Worte oder nur noch Worte, die dem Erleben nicht entsprechen. Gerade für das, was wichtig ist, was ihnen wirklich am Herzen liegt, können sie keinen Ausdruck finden. Hier hilft Musiktherapie (und andere kreative Therapien selbstverständlich auch). Uns ist es immer wieder eine große Freude, mitzubekommen, wie Menschen überrascht und begeistert sind und darüber staunen, dass sie Klänge finden, dass sie Töne für sich haben. Diese Menschen finden so einen Zugang zu dem großen Reichtum ihres Erlebens, wenn sie nur achtsam sind für diese Leibbewegung des Tönens, wenn sie sich Zeit, Ruhe und Aufmerksamkeit für das nehmen, was in ihnen klingt, und nach ihnen gemäßen Wegen suchen, dem von innen nach außen Ausdruck zu verleihen. Dieser Weg der Musiktherapie, dieser zweite große Bereich der Musiktherapie, wird aktive Musiktherapie genannt. Der Begriff ist ein bisschen irreführend. Auch etwas zu rezipieren, etwas in sein Erleben, in sich hinein zu lassen, ist ein passiv wirkender, dennoch ein aktiver Prozess. Aber der Begriff hat sich eingebürgert, also wollen wir ihn benutzen und nicht zu sehr hadern. Aktive Musiktherapie führt vom inneren Erleben über den Impuls zu einem Klang, zu einer Stimme, zu einer Äußerung des Tönens von innen nach außen. Mit diesem Klang kann dann gespielt werden, er kann sich entfalten, aus dem Impuls wird die Improvisation. Ein großer Teil musiktherapeutischen Handelns, insbesondere in Kliniken, besteht in der Improvisation.

Sowohl der Weg von außen nach innen als auch der Weg von innen nach außen kann gestört sein. Bei manchen Menschen ist er einseitig, es kommt nur etwas von außen nach innen, aber nicht mehr von innen nach außen. Andere Menschen tönen und tönen, um ihren Platz in der Weit zu behaupten, und lassen von außen nichts mehr an sich heran … Manchmal ist der Weg nur teilweise versperrt: der Zorn kommt hinaus, aber die Trauer nicht; die Kränkung kommt hinein, aber die Liebe nicht. Oder es gibt auf den Wegen hinein und hinaus Barrieren, Trennungen, Abspaltungen. Man nimmt z. B etwas wahr, aber man klingt nicht mit. Man gerät nicht selbst in Schwingungen. Das, was von außen kommt, berührt den Kern nicht, das Herz verschließt sich, um es eher poetisch zu bezeichnen, oft aber auch buchstäblich psychosomatisch. Oder es gibt das umgekehrte Problem: das, was nach außen kommt, hat keine Wurzel, keine Quelle, keinen inneren Bezugspunkt, die Sprache ist so“als ob“. Wie die Worte eine Sprache der Poesie, also eine Sprache des Erlebens, sein können, oder aber eine Sprache der Gebrauchsanweisungen und Dienstpläne, eine Sprache des Funktionellen und Funktionierens, kann auch die Musik, kann auch die Stimme, kann auch der Gesang, kann das Musizieren etwas Funktionelles sein, das mit dem inneren Erleben nichts zu tun hat. Sie kann aber auch Ausdruck des inneren Klingens sein, Ausdruck des inneren Schwingens, ein Klang des Erlebens. Hier ist das Feld der Musiktherapie. Hier versuchen wir, diesen Weg von innen nach außen, soweit es geht und soweit die KlientInnen es wünschen, wieder zu öffnen, wieder durchlässig zu machen.

Es gibt noch einen dritten Weg, ein drittes Feld der Musiktherapie, das ist die themenzentrierte Musiktherapie, Im Weg von innen nach außen und von außen nach innen begegnen wir Themen. Ein solches Thema kann ein bestimmtes Gefühl sein, z. B. der Ärger, den man nicht mehr los wird. Themen können biografische Erinnerungen sein, Kränkungen, Verletzungen oder traumatische Erfahrungen. Selbst bei Amnesien kann über Klänge ein Zugang zum Gedächtnis gefunden werden, denn das Klanggedächtnis ist Teil des Leibgedächtnisses, das weiter und tiefer reicht als das kognitive Gedächtnis. Themen können auch Familienkonstellationen sein, in denen man sich bewegt bzw. sich nicht mehr bewegen kann, in denen man einen anderen Platz sucht. Ganz gleich, ob Themen auftauchen wie die Suche nach innerer Ruhe oder Arbeitskonflikte und materielle Sorgen, jedem Thema können wir musikalisch und musizierend zu einem Ausdruck verhelfen, „Wie klingt der Ärger …… „Gib jedem Familienmitglied einen Platz hier im Raum mit einem Instrument“, „Such dir ein Instrument und lass die Sorgen erklingen“, „Wie ist die Atmosphäre an deinem Arbeitsplatz, wie klingt sie, wie schwingt sie?“ usw. In der themenzentrierten Musiktherapie gibt es vielfältige Anwendungs- und Einsatzmöglichkeiten, auch im sozialen Feld, in Supervisionen, heilpädagogischen und sonstigen Bereichen. Hier haben wir gestützt auf Methoden und Verfahren, die wir auch in anderen Bereichen kreativer Leibtherapie entwickelt und eingesetzt haben, einige nützliche Beiträge für die Weiterentwicklung der gesamten Musiktherapie geleistet.

In jeder Art von Musiktherapie sind uns zwei Komponenten wichtig: Die erste Komponente ist die Resonanz. Menschen brauchen Resonanz, brauchen andere Menschen, die mitschwingen, brauchen ein Publikum, das hört und auf das Hören und Hinhören reagiert, antwortet, Echos gibt, ernst nimmt und würdigt, was aus einem Menschen erklingt. Dieses Gegenüber, dieser Wiederhall, das sind wir-Therapeutinnen und Therapeuten. Wir antworten, wir hören, wir registrieren, wir würdigen, wir gehen in Resonanz. Resonanz ist heilend: z.B. nicht allein zu trauern und im Bett vor sich hin zu weinen oder zu erstarren, sondern die Trauer zu teilen, Antworten auf die Fragen zu bekommen, die in der Trauer entstehen, Verständnis zu bekommen und jemanden zu haben, der in der Trauer und bei allem, was damit verbunden ist, mitschwingt.

Die zweite wichtige Komponente ist die der Verwandlung, der Veränderung. (Wer es griechisch oder lateinisch möchte, mag von Metamorphose oder Transformation reden, wir bleiben beim deutschen Wort Verwandlung.) Wenn ich meinem Zorn einen klanglichen Ausdruck gebe und ihn z.B. auf einer Trommel spiele, dann kann ich mit diesem Klang improvisieren, allein oder vielleicht auch im Dialog mit dem Therapeuten oder der Therapeutin oder in einer Gruppe. Wenn ich improvisiere, verändert sich dieser Klang und darüber kann der Zorn neue Dimensionen bekommen, neue Aspekte können hinzu kommen, andere Gefühle anklingen, andere Szenen, andere Bezüge entstehen. Er kann sich umwandeln. Er verschwindet nicht, sondern verwandelt, begibt sich in eine andere Gestalt. Vor allem über die Improvisation und den musikalischen Dialog, über den Ausdruck des Erlebens und die Resonanz finden KlientInnen Möglichkeiten, das zu verändern, woran sie leiden.

(Auszüge aus einem Vortrag von Udo Baer am 9.9.2001 beim Schnuppertag der Zukunftswerkstatt Tanz, Musik und Gestaltung in Düsseldorf, publiziert in „Zukunftswerkstatt aktuell“, September 2002)
Dieser Artikel wurde mir freundlicherweise vom Autor zur Veröffentlichung überlassen.

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