Psychische Probleme der Eltern

Wenn das Gegenüber fehlt


von A. Ritter

Wenn Eltern psychische Probleme haben, wirkt sich das auf den Alltag der Familie aus. Insbesondere die Kinder können darunter leiden. Erwachsene Bezugspersonen ausserhalb der Familie sind gerade dann besonders wichtig.

Simone Winiger (Name geändert) war 14 Jahre alt, als sie merkte, dass mit ihrer Mutter „irgendetwas nicht stimmt“. Sie konnte keine Freunde mehr nach Hause bringen, weil das die Mutter nervös machte. Sie erlebte ihre Mutter auch als unberechenbar: „Man musste immer aufpassen, was man sagt, sonst reagierte sie mit Liebesentzug.“ Es kam noch schlimmer. Eines Nachts fand Simone ihre Mutter in der Küche, sie war gerade dabei, sich die Pulsadern aufzuschneiden: „Ich schrie nur noch und rannte zu meiner besten Freundin.“

Die Familie kommt ins Wanken

Nicht erst solch dramatische Szenen können Kindern zu schaffen machen. Studien zeigen, dass depressive oder schizophrene Elternteile ihren Kindern gegenüber weniger Interesse und Emotionen zeigen und nur wenig freie Energie haben, um ihnen die notwendige Aufmerksamkeit, Unterstützung und elterliche Führung zu gewähren.
Und das ist gar nicht so selten. Die Sozialarbeiterin Andrea Raschle hat 2001 ihre Diplomarbeit dem Thema „Kinder – vergessene Angehörige psychisch kranker Mütter und Väter“ gewidmet. Sie bezieht sich darin auf Schätzungen, wonach in der Schweiz jährlich 3000 bis 6000 Kinder miterleben, dass ihre Mutter oder ihr Vater in eine psychiatrische Klinik eingewiesen werden. Nicht zu vergessen ist die unbekannte Anzahl Kinder von Eltern, die sich ambulant oder gar nicht behandeln lassen.
Psychische Probleme scheinen im Familienleben häufiger vorzukommen als früher – oder mehr beachtet zu werden. Die Sozialpädagogische Familienbegleitung der Pro Juventute beispielsweise ist deutlich mehr damit konfrontiert als früher, erklärt Sena Baumgartner von Pro Juventute Schweiz. „Die Begleiterinnen und Begleiter erhalten jetzt entsprechende Weiterbildung.“
Raschle beschreibt in ihrer Arbeit Veränderungen, die sich in einer Familie ergeben können, wenn ein Elternteil psychisch erkrankt: „Beziehungen verändern sich, die Aufgaben des täglichen Lebens müssen neu definiert und verteilt werden und die Kinder müssen sich in einer völlig neuen Familiensituation zurechtfinden.“

Die Angst vor dem Selbstmord

Bei der Mutter von Simone lautete die Diagnose „Depression“. Sie besuchte in der Folge zwar eine Psychotherapie, allerdings keine sogenannt systemische Therapie, bei der auch die Familie einbezogen wird. Dabei hätte Simone doch wissen wollen, „was wirklich los ist“. Das Verhältnis der Eltern verschlechterte sich zunehmend, die Mutter warf dem Vater vor, sie nicht zu verstehen und suchte die Nähe zu Simone. Diese fühlt sich aber nur noch ausser Haus richtig wohl: „Die Angst lag immer in der Luft, dass ich sie wieder finden könnte, beim nächsten Selbstmordversuch“, erzählt sie rückblickend.

Als Simone mit 18 Jahren in eine eigene Wohnung zog, fiel es ihr zunächst leichter, ihre Mutter ernst zu nehmen: „Ich betrachtete sie plötzlich als Kollegin, der ich helfen kann.“ Zur Depression kamen aber bald Wahnvorstellungen, die ein sachliches Gespräch verunmöglichten. Simone begann sich wieder zu distanzieren und bekam ähnliche Vorwürfe zu hören wie der Vater: Man interessiere sich nicht für sie, sie habe soviel gegeben als Mutter und jetzt komme nichts zurück.

Bin ich schuld?

Solches zu hören, kann beim Kind Schuldgefühle auslösen: Ist Mutter wegen mir krank? Die Palette möglicher Auswirkungen bei Kindern umfasst aber auch Verunsicherung, Wut, Scham, Angst vor Gewalt oder die Angst davor, selber zu erkranken. Gerade bei Kleinkindern können die Auswirkungen schwerwiegend sein: Das Kind ist in Gefahr, die Ängstlichkeit der depressiven Mutter zu übernehmen und auf die mutige Entdeckung seiner Umwelt zu verzichten. Oder es wird in das wahnhafte Erleben des psychotischen Elternteils einbezogen und dieses zu seiner eigenen Realität machen. Später, in der Pubertät, können die Ablösung vom Elternhaus und die Identitätsfindung erschwert sein, wenn sich der Jugendliche schuldig und für den kranken Elternteil verantwortlich fühlt.

Wenn Kinder zu Eltern werden

Dieses Verantwortungsgefühl kann soweit gehen, dass Kinder plötzlich den Haushalt führen und die jüngeren Geschwister und den kranken Elternteil betreuen. „Parentifizierung“ nennt das die Psychologie: der Rollentausch zwischen Eltern und ihren Kindern. Kein Wunder, wenn die Aufmerksamkeit in der Schule darunter leidet und das Kind überfordert ist. Die Reaktionen darauf sind nun allerdings sehr individuell und deshalb nicht immer leicht zu erkennen. Zieht sich das eine Kind in seine eigene Welt zurück, kann sich ein anderes dazu berufen fühlen, die Familie zu retten, für Ablenkung zu sorgen. Oder aber es sieht keine andere Möglichkeit mehr, die ihm zustehende Aufmerksamkeit zu erhalten, als durch „schlechtes“ Benehmen.

Die Achtung verloren

Auch Silvio Berchtold (Name geändert) war 14-jährig, als ihm das Streiten seiner Eltern langsam seltsam vorkam. Seine Mutter beklagte sich ihm und dem jüngeren Bruder gegenüber, der Vater habe eine Geliebte. Die Kinder waren entsetzt, dass der Vater „die Familie betrügt“ und blieben einige Nächte auf, um ihn auf frischer Tat zu ertappen bei der Heimkehr von seinen nächtlichen Ausflügen. Aber nichts geschah. Die Kinder waren ratlos: wem glauben?
Für Silvio brach eine heile Welt zusammen, sehr schnell begann er, seinem Vater zu glauben, der alles abstritt: „Ich dachte, meine Mutter ist nicht glaubwürdig und verlor die Achtung vor ihr. Sie starb damals für mich – und sie starb als Lügnerin.“ Er wollte nichts mehr von ihr wissen und überhaupt: Frauen fand er plötzlich dumm. Die Mutter umsorgte die Kinder nach wie vor, war nie feindselig ihnen gegenüber. Im Gegenteil, sie wollte die Kinder vor dem bösen Vater schützen. Ihre Wahnideen weiteten sich nämlich aus, geheime Botschaften in den TV-Nachrichten wurden ihr übermittelt, sie war in Gefahr. So ging für Silvio Berchtold eine „Gesprächspartnerin verloren“.

Erhöhtes Risiko

Psychische Erkrankungen in der Familie können auch zu problematischen „psychosozialen Veränderungen“ führen, wie die Psychologin Inga Köster in ihrer Lizentiatsarbeit schreibt: Arbeitslosigkeit, finanzielle Schwierigkeiten, schlechtere Wohnbedingungen und soziale Isolation. All dies, so Köster, „entspricht den allgemeinen Risikofaktoren für die Entwicklung psychischer Auffälligkeiten bei Kindern“. Tatsache ist denn auch: Bei Kindern eines schizophrenen Elternteils beispielsweise ist das Risiko verzehnfacht, selber an Schizophrenie zu erkranken. Dabei können genetische wie auch Umfeldfaktoren eine Rolle spielen.

Raschle betont allerdings in ihrer Diplomarbeit, dass es durchaus Eltern gibt, die trotz psychischer Probleme in der Lage sind, gut für ihre Kinder zu sorgen. Und nicht alle negativen Auswirkungen treten zwangsläufig auf: „Die meisten dieser Kinder wachsen zwar in einer schwierigen Situation auf, erkranken aber selber nicht und sind durchaus in der Lage, ihr Leben adäquat zu meistern.“ Ronnie Gundelfinger, Arzt im Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst des Kantons Zürich stellt fest, dass die Auswirkungen nicht so sehr davon abhängen, welche psychische Erkrankung Mutter oder Vater haben. Wichtiger ist, wie schwer jemand erkrankt, ob es eine chronische Erkrankung ist und ob jemand da ist, der den erkrankten Elternteil ersetzen und sich um die Kindern kümmern kann. Es können dies der gesunde Elternteil, die Grosseltern oder Nachbarn sein – wichtig sind verlässliche erwachsene Bezugspersonen.

Die Umwelt verlangt Erklärungen

Ausschlaggebend ist auch, wie die Familie mit der Krise umgeht. Zu verhindern gilt es, dass die Erkrankung zum „Familiengeheimnis“ gegen aussen oder zum Tabu innerhalb der Familie wird. Denn dadurch können die Kinder unter Druck geraten: Das Verhalten des Elternteils wird von der Umwelt nicht verstanden, verlangt nach einer Erklärung. Und die kann das Kind nicht geben, weil es selber nicht versteht, was los ist oder es darf sie nicht geben, weil das Tabu darüber liegt.

Gundelfinger appelliert denn auch an die Eltern, die Kinder über ihre Probleme zu informieren. Eltern haben manchmal Angst, die Kinder dadurch noch zusätzlich zu belasten: „Wenn Kinder nicht wissen, worum es geht, sieht es in ihrer Phantasie allerdings häufig schlimmer aus als es in der Realität ist.“ Zu dieser Realität gehört allerdings auch, dass es zu Rückfällen kommen kann, betont die Psychologin Inga Köster: „Die Wirklichkeit der Familie muss neu konstruiert werden. Auch nach einem Klinikaufenthalt kann nicht zur Tagesordnung übergegangen werden.“

Gesprächsgruppen für die Kinder

Helfen sollen dabei Gespräche. In der Stadt Bern existieren seit zwei Jahren Gesprächsgruppen für Eltern in der stationären Psychiatrie wie auch ambulante Gruppentherapien für Kinder. In Solothurn leitet Inga Köster seit Oktober 2002 ein ähnliches Angebot des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes. Die Gesprächsgruppen sollen den Kindern helfen, ihre Gefühle auszudrücken, sie von ihrer „Elternrolle“ entlasten und kindergerecht über psychische Erkrankungen informieren. Gefragt ist aber auch die Erwachsenenpsychiatrie. Wenn eine erwachsene Person in eine psychiatrische Klinik eintritt, muss danach gefragt werden, ob jemand Kinder hat und ob für diese gesorgt wird, fordert Gaby Rudolf, Psychologin bei der Stiftung Pro Mente Sana. Die Vereinigung arbeitet mit Sozialarbeitenden aus der Psychiatrie zusammen und prüft zusätzliche Angebote für betroffene Kinder und ihre Eltern.

Horrorfilm, der zu nah kommt

Simone Winiger ist heute 27 Jahre alt. Der Zustand ihrer Mutter ist schwankend, in regelmässigen Abständen führen körperliche Erkrankungen zu psychischen Krisen und Einweisungen in die Klinik. Ihr Verhältnis zur Mutter? „Entmutigt. Es ist ein stetes Bangen, ob sie sich wohl demnächst umbringt.“ Simone selber ist zwar psychisch gesund, sie will aber demnächst eine Therapie besuchen, um die Geschichte ihrer Familie aufzuarbeiten. Auch bei der Mutter von Silvio Berchtold hat sich die Erkrankung als chronisch erwiesen. Silvio, inzwischen 31-jährig, ist nach wie vor auf Distanz: „Ihr Innenleben kommt mir vor wie ein Horrorfilm. Und der geht mir entschieden zu nah. Es ist eine unglaubliche Erfahrung, zu sehen, dass man gewisse Dinge auf der Welt einfach nicht verbessern kann.“

Dieser Artikel wurde mit freundlicher Genehmigung des Autors hier veröffentlicht.

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