Brief aus Afrika

Physiotherapie in Lesotho

Thaba Tseka, 25. Dezember 2015

Liebe Freunde,

heute ist Weihnachten, aber anders, als wir es gewöhnt sind. Es ist ein ruhiger Tag, an dem die täglichen Arbeiten getan werden und ein spezieller Frieden eingeatmet wird.

Es herrscht eine schwere Dürre. Das Weihnachtsgeschenk ist der endlich bewölkte Himmel und ein wohltuendes Gewitter, das die ausgetrocknete Erde tränkt.

Seit 4 Wochen bin ich in Lesotho unterwegs.

Die erste Etappe war Hlotse (ausgesprochen: Schlotse), ein Altersheim für betagte Klosterfrauen. Dort habe ich eine jungen Schwester die individuelleshelter2 physiotherapeutische Bewegungsförderung in der Hauskrankenpflege für alte Menschen unterrichtet.

Die nächste Etappe war das Mothebang Hospital, ein staatliches Krankenhaus, wo ich eine in Kuba ausgebildete Physiotherapeutin besucht habe. Zusammen haben wir ihre Patienten behandelt. Seit diesem Jahr ist im Krankenhaus auch ein chinesischer Arzt tätig, der Schmerzen oder leichtere Symptome mit Akupunktur behandelt.

Anschließend bin ich nach Pitseng gereist, in eine etwas altmodische katholische Mission: Eine große Kirche, Schulen vom Kindergarten bis zur Oberstufe, ein Bauernhof mit einem Garten und ein Novizenkloster. Die Missionsstation ist ein Ort des Gebets aber auch ein Treffpunkt, wo Schutz gesucht und gelernt wird. Die Mission befindet sich auf dem Land, an einem wunderschönen, sehr friedlichen Ort. Ein kleines Paradies. Es gibt keine Autos, die Gärten sind gepflegt und der ganze Ort ist sehr abgelegen. An der Messe, die mit der Schließung der Schule über die Weihnachtsferien zusammenfällt, sind rund 900 Kinder anwesend, die während der Feier tanzen und singen. Auch am letzten Schultag herr
scht eine wunderschöne, laute und frohe Atmosphäre.

Da in den letzten Tagen meine Ankunft in der Kirche verkündet worden ist, sind viele alte MensWorkshop Demonstration Fuss 1chen aus den  anliegenden Dörfern hierher gekommen um behandelt zu werden. Ich habe die Ehre, in demselben Zimmer zu behandeln, in dem Berta Hardegger, die Gründerin der schweizerischen Mission in Lesotho, ihre Patienten von 1938 bis kurz vor ihrem Tod behandelt hat. Es rührt mich, dass viele augenkranke Patienten zu mir kommen, einem Blinden, um sich nach traditioneller Medizin die Augen segnen zu lassen.

Ich habe meine Reise nach Norden fortgesetzt, zum Seboche Hospital, meinem nächsten Ziel. Dort befinden sich 12 Krankenpflegerinnen, die seit einigen Jahren eine einwöchige Weiterbildung absolvieren, die einmal pro Jahr unter meiner Führung stattfindet. Die Entwicklung der Arbeit überrascht mich: Nach 3 Jahren darf ich Ernsthaftigkeit und das Engagement aller Studierenden mit Freude feststellen. Die Hauptarbeit ist für gelähmte Patienten bestimmt.

 

Das Krankenhaus leidet sehr unter der Dürre, seit 30 Jahren war Lesotho nicht mehr von einer solchen Trockenheit betroffen. Die Arbeit im Krankenhaus geht weiter, als ob nichts geschehen sei. An der Zisterne werden die Eimer gefüllt und weiter geht’s! Jedem Krankenhausangestellten steht für den Privatgebrauch 1 Eimer Wasser pro Tag zur Verfügung. Beim Schichtwechsel trifft man sich an der Zisterne wie auf einem Marktplatz: Nachrichten werden ausgetauscht und es wird gelacht.

In der Freizeit nach dem
Abendessen wurde ich gebeten, den Nonnen Gymnastikübungen beizubringen: Fitness mit einem kleinen Verstärker, der afrikanische Musik überträgt. Auch dies ist eine Gelegenheit, sich zu treffen, Zusammenhalt und Leichtigkeit zu schaffen. Die etwas ältere Mutter Oberin schaut nur zu, meint aber, die gute Laune sei ansteckend und das Zuschauen wohltuend.

Während der darauffolgenden Woche habe ich in demselben Krankenhaus mokete.audiencevon Seboche einen Kurs für die Village Health Workers gehalten: Es handelt sich um Gesundheitspfleger, die in den ländlichen Regionen als Hauskrankenpfleger arbeiten. Die Förderung ihrer Arbeit ist von grundlegender Wichtigkeit: Da Lesotho ein hauptsächlich bergiges Land ist, stellen die geographischen Entfernungen oftmals ein großes Hindernis beim Erreichen der Krankenhäuser dar. Aus diesem Grund ist die Arbeit dieser Pfleger vor Ort, in den verschiedenen Regionen, sehr wichtig.

 

 

Am 13. Dezember ist Elena de Renzio, Bewegungspädagogin, hinzugekommen und wir haben zusammen für das nationale Physiotherapiepraktikum im St. Joseph Hospital in Roma (Lesotho) gelehrt. Es ist ein wichtiges Berufstreffen, eine gute Gelegenheit, sich weiterzubilden, Kenntnisse zu vertiefen und zu teilen. Es waren 19  Teilnehmerinnen von 11 verschiedenen Krankenhäusern anwesend. Jedes Jahr leite ich dieses Weiterbildung eine Woche lang. Wir haben über Orthopädie, HIV und Pädiatrie gesprochen und die Grundprinzipien formuliert, über die die Village Health Workers unterrichtet werden sollen. Wir haben auch über die Wichtigkeit der, obschon vereinfachten, Übertragung unseres Wissens an diejenigen, die die Patienten zu Hause pflegen gesprochen, seien es Pflegerinnen, Bekannte oder Verwandte.

Danach sind wir nach Thaba Tseka ins Paray Hospital, im Hochland von Lesotho, gefahren. Thaba Tseka ist ein Dorf in einem kahlen Hochgebirge, wo immer ein starker Wind bläst. Die Abteilung (d. h. das Zimmerchen) für die Physiotherapie ist aktiv und die therapeutische Tätigkeit wird von drei Rehabilitationspflegerinnen gewährleistet.

Dieses Jahr haben wir einige Patienten wiedergetroffen, die wir bereits im letzten Jahr (oder sogar vor zwei Jahren) gesehen hatten. Es war rührend, drei Mädchen wiederzusehen, die sich mit sehr schwierigen Krankengeschichten auseinandersetzen mussten.

Lerato, ein wunderschönes Mädchen von 8 Jahren, das 10 Monate lang in beiden Beinen wegen einer Tuberkulose der Wirbelsäule gelähmt war, hatte mit Hilfe unserer Hände und den Übungen begonnen, erste Bewegungen zu machen. Nach einem Monat intensiver Physiotherapie konnte sie von den Schultern ihrer Mutter absteigen (bei uns wäre es ein Kinderwagen oder ein kleiner Rollstuhl gewesen) und mit Krücken erste Schritte machen. Im Laufe des Jahres wurde sie regelmäßig gepflegt und wir haben sie nun hüpfend und lachend angetroffen. Zu uns kommt sie zur Kontrollvisite und um uns mit ihrer Mutter zusammen wiederzusehen. Um ins Krankenhaus zu kommen, ist Lerato gute zwei Stunden gelaufen. Ihr leuchtendes Lächeln und ihre Freude haben uns sehr berührt. Wir sind alle sehr glücklich und zufrieden über ihre vollständige Genesung!

Mpo ist letztes Jahr wegen einer schlimmen, vernachlässigten Missbildung der Füße zu uns gekommen. Das Mädchen war 3 Jahre alt und konnte nicht gehen. Dank den für das Projekt gesammelten Geldern konnte Mpo nach Maseru in die Hauptstadt reisen, wo ihre Füße dreimal operiert wurden. Vor kurzem wurde ihr der Gips abgenommen und sie trägt bereits spezielle Schuhe, die es ihr gestatten, die ersten Schritte zu machen!

Thabelleng ist ein Mädchen von 9 Jahren, das wir seit einigen Jahren betreuen. Während der Geburt erlitt es  eine Zerebralparese. Sie hat Gleichgewichtsstörungen, Sprach- und Koordinationsprobleme, lebalang.elena1außerdem sieht das Mädchen nur mit einem Auge. Thabelleng ist ein lebhaftes und neugieriges Mädchen. Elena und ich haben es intensiv behandelt, indem wir eine hauptsächlich spielerische Rehabilitation umgesetzt haben. Die Resultate sind überraschend: Das Mädchen geht gerade, ohne Hilfe der Eltern und ihre Koordination hat sich erheblich verbessert.

Für uns sind die Fortschritte eines jeden Patienten immer eine große Genugtuung, aber der Anblick eines Kindes, das gehen kann und sich darüber freut, dass es sich bewegen und hüpfen kann, ist etwas ganz Spezielles.

Nächste Woche findet eine eintägige Ausbildung der Village Health Workers dieser Region statt, weiterhin wird die Physiotherapie fortgesetzt. Ich werde die Ärzte des Krankenhauses und das Team über die Prinzipien der Physiotherapie, die noch heute von vielen unterschätzt wird, unterrichten.

Auf Anfrage hat Elena einigen Angestellten Gymnastiktanzstunden gegeben. Sie möchten für das nächste Jahr gerne eine kleine Tanzgruppe organisieren (einige in der Hoffnung, damit auch ein wenig Geld zu verdienen).

Elena wird dann nach Italien zurückkehren, ich werde noch an 5 weitere Orte reisen.

Es überrascht mich, dass die Basotho, die Einwohner von Lesotho, trotz der starken Instabilität der Regierung, die jegliche Möglichkeit blockiert, das Parlament neu zu organisieren, und trotz der Dürre, die sicherlich zu Mangelernährung führen wird, jeden Tag so freudig und leicht in Angriff nehmen. Tag für Tag zeigen sie mir ihre Fähigkeit trotz aller Unsicherheiten zu leben.

Liebe Grüsse aus Thaba Thseka

Thuso Wolfgang Fasser

 

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