Der Gärtner Wolfgang Fasser

 

NEL GIARDINO DEI SUONI

von Fritz Hegi

„Im Garten der Töne“ wirkt ein Gärtner, er heisst Wolfgang Fasser. Der Film handelt von ihm, dem blinden Musiktherapeuten aus der Toskana mit schweizerischer Herkunft. Wir sehen also 90 Minuten lang, was er nicht sieht – und immer wieder lassen uns die Bilder dies vergessen. Das berührt staunend bis irritierend: sieht er wirklich nicht mit den Augen? Die Sinne werden ein Ganzes, eine Synästhesie verbindet fliessend zwischen Farben, Formen, Tönen und Berührungen oder Empfindungen. Die Welt des Hörens wird immer reicher – sehenderweise. Die Idee des Films und seine atmosphärische Dichte macht es schwierig, über das Werk zu schreiben.

Ich kann nur Geschichten daraus erzählen, Geschichten dieses aussergewöhnlichen Menschen Wolfgang, seiner Musik und Therapie, seiner Verbindung zu Tieren und Elementen, den Kontakten mit der Dorfbevölkerung und natürlich mit seinen Kindern und Jugendlichen Lucia, Jenny, Andrea und Ermanno. Er behandelt sie mit Musik von Sprache bis Naturgeräuschen und mit seiner liebevollen Einfühlung für ihre Behinderungen, er hört ihren besonderen Bedürfnissen zu und spielt damit. Das Resultat ist ein tiefer Einblick in ein gelingendes Leben, trotz Einschränkungen und Abhängigkeiten. Wir erleben einen emotionalen Lehrfilm über Menschlichkeit und Musiktherapie. Wolfgang sieht seine Umgebung hörend: über Klänge und Rhythmen, über Nähe und Distanz, Lautstärken und Tempi. Er klettert auf Bäume, um ein Kabel wie eine Windharfen-Saite von Ästen zu befreien. Er geht mit seinem Hund und dem weissen Stock auch in unwegsame Waldgebiete und räumt von seinem Weg mit der Sichel das Gestrüpp weg. Tastend, als wäre der ganze Körper Ohr, kocht er und spaltet Holz für das offene Feuer in Wohnräumen, die den Stil eines Ästheten zeigen. Eigentlich wollte er Wildhüter oder Förster werden. Aber schon als Kind erwischte er weniger der farbigen ‚Hochzeits-Bonbons‘ als seine Kameraden und wusste, dass er durch eine vererbte Krankheit mit etwa 20 Jahren das Augenlicht ganz verlieren wird. Als die Blindheit dann kam, war sie eher entlastend, befreiend, einfach. Ich habe nicht den Eindruck, nicht zu sehen, ich höre ja. Mein Leben wird anders sein.“ So erforscht er die Welt der Musik, als Sopransaxophonist in der Klezmergruppe ‚Shalom Klezmer‘, mit feinen Aufnahmegeräten in der Natur oder über Funkgeräusche aus den Sphären, mit denen er übt, „hinzuhören auf etwas, dessen Inhalt ich gar nicht verstehe“. Das erfahre er bei der Arbeit mit Behinderten und Sprachlosen auch. „Ich will mit der freien Improvisation genau so frei werden wie die Drossel oder Nachtigall mit ihren Einfällen, Wiederholungen und Varianten.“

Auf dem Titelbild zum Film sieht man ihn am Rande eines kahlen toskanischen Hügels, einen langen Schatten werfend, bei Anbruch eines Tages am weiten Horizont. Absolute Stille im inneren und äusseren Raum. Etwas kaum Hörbares schwingt an. Man schaut in diese Atmosphäre und merkt, das ist die Empfindung des Hörens in der Stille, wie ein blinder Genuss. Mit diesem Bild gelingt eine Brücke zur Welt der nicht Sehenden. Im Dorf bewegt er sich mit italienischer Herzlichkeit, sagt beim Abschied „ci vediamo“ (!) und wird mitten im Krämerladen um therapeutische Hilfe oder um eine kurze Nackenmassage gefragt. Er bestellt in einer lärmigen Bar mit weicher Stimme einen Cappuccino und er lernt den Weg nach Hause durch dichten Verkehr zu finden, als wäre es ein Spiel. Sein engster Begleiter, der Hund stirbt. Er gräbt ein Grab, zündet eine Kerze an. Schnee liegt draussen. Ein Akkordeon klingt in Moll. Ergreifende Bilder, der Klang des Todes. Diese Besinnlichkeit und Ruhe behält Wolfgang auch, als er merkt, wie auch sein Gehör-Sinn mit dem Alter abnimmt. Es gebe Hilfen und neue Wege, es sei zwar eine weitere Behinderung, aber eine Vertiefung der Wahrnehmung, sich Zeit zu lassen und neue Realitäten anzunehmen. „Im Vergleich zu dem, was meine Kinder lernen müssen ist das nichts, womit ich mich beschäftigen muss.“ Eine solche Haltung mutiger und demütiger Menschlichkeit, einer Liebe zum gegenwärtigen Leben, formte wohl sein Gesicht wie archaisches Urgestein, wie lächelnde Melodien – und zeigt die Seele des Klangforschers und Musiktherapeuten.

Seit 1999 führt er das Atelier für Improvisation und Musiktherapie mit einem Grundsatz: “Wir spielen die Musik, die zwischen uns klingt.“ Im zuhörenden Zwischenraum wachsen die heilenden Beziehungen. Er berührt und betastet seine Jugendlichen bewusst, ganz befreit von optischer Befangenheit. Er spricht bei Andrea in den Körper hinein, gibt Worte auf seine Hände und Schultern. „Uno, due, tre …“ und die Angst ist weg, wenn dann die Musik beginnt. Spielend einfach und tief wirksam nehmen wir teil an einem Heilungsweg. Durch Berührung und Ton erfährt das Kind Ursache und Wirkung von Musik, Sprache und Verstehen. „Bewegung, Empfindung und Sprache verändern sich, weil die Schwingung über den Leib hereinkam.“ Eine Gruppe von Kindern lauscht den Geräuschen im Raum, in der Natur oder von einem kleinen Gerät am Boden. Daraus entstehen Bewegungen, tanzende Hände, sich gross öffnende Augen, zuckende Impulse eines Fingers. Es sind Zeichen früher Laute, das Ringen um Ausdrucks- und Stimmentfaltung. Sie verbinden sich mit der Resonanz, dem Andern da draussen. Ein zuhörendes Verstanden-werden beginnt, ein Gefühl des Aufgehoben- seins. Wenn Genny auf das Vorsprechen von Wolfgang horcht, ihre verkümmerte Lautmusik zu knapp verstehbaren Worten formt, wenn ihre Freude zu Tanz wird, ihr Lerneifer in der Normalschule beachtet und gefördert wird, erleben wir das Selbständig-werden einer mehrfachbehinderten jungen Frau wie ein Wunder. Das sich zum Ton hinwendende Gesicht der blinden komatösen Lucia scheint voller Anmut, voller Neugier auf musikalische Schwingungen. Andrea ist ebenfalls blind und muss auch mal festgehalten werden, bekommt Zurechtweisung zu spüren, aber es ist väterliche Führung. Und immer wieder baut die Musik eine Brücke zur Aufmerksamkeit und zum Vertrauen, wo Verlassenheit und Ängste in den Abgrund zu stossen drohen. So auch bei Ermanno, dessen Einstieg in die Therapie schon gespannt beginnt und ins Losschlagen auf eine Lampe eskaliert, in dem er auf das Liegemonochord steht. Wie Wolfgang diesen massiven jungen Mann tastend herunterholt, in die Begegnung der Körper hineinführt und Wut in Zärtlichkeit verwandelt, das gleicht einer klanggeleiteten Verführung. Wohin soll eine Therapie führen? „Zu dem, was sie sind (die anvertrauten Jugendlichen) und sich mit jeder Zelle des Körpers spüren“, sagt Wolfgang, auch wenn sich Ermanno später mit seinem vollen Gewicht auf ihn legt, ihn zudeckt, erotische Nähe sucht. Manchmal müssen solche Prozesse gestoppt werden. Dies gelingt mit fliessender Zuwendung und einem Angebot aus der Symbolik der Musik. Einmal verlässt Andrea den Raum, ohne dass der Therapeut dies wahrnehmen kann. Dann sind auch den synästhetischen Sinnergänzungen des Blinden Grenzen gesetzt. Eine leise Traurigkeit taucht im Gesicht auf, ein paar Töne trösten diesen Anflug von Einsamkeit.

Der Film endet wie er begann: mit den Übergängen von Mensch zur Natur zur Musik, mit fantastischen Bildern von Landschaften, mit eindrücklicher Musik und mit liebevollen Gesichtern im Dreiklang. Diese gelebten, mit Tönen, Bildern und Atmosphären eingefangenen Übereinstimmungen wirken heilend. Es bleibt ein Gefühl von Betroffenheit, Berührt-sein und einer unergründlichen Liebe zum Geheimnis der Musik zurück. Längeres Schweigen ist der angemessene Applaus für dieses beeindruckende Zusammenspiel von Darstellern, Filmern und Regie.

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