Menschen und Horizonte

 

Wolfgang Fasser im Gespräch mit Peter Jaeggi in einer Radiosendung

Wolfgang Fasser: Musik ist sehr gut einsetzbar zum Beispiel dort, wo das Wort den Menschen nicht erreicht. Behinderte Kinder, die einfach keinen Zugang zur Sprache haben, können sich manchmal durch Musik ausdrücken oder werden oft durch Musik in einer harmonisierenden Art beeinflusst, beruhigt oder angeregt.

Peter Jäggi: Ein Schwerpunkt in der Arbeit von Wolfgang Fasser sind die Geräusche aus der Natur. In der Toscana, wo er lebt, lädt der Glarner häufig zu „Horchwanderungen“ ein. Diese kann man aber auch selber machen, sagt er und sein Tipp ist:

WF: Sich einfach einmal Zeit nehmen. Horchen braucht Zeit. Eine ganz einfache Übung ist, dass man sich an einem schönen Ort auf eine Bank setzt, die Augen schliesst und dann dem lauscht, was man da so hört. Das ist eine wunderbare Übung. Und so kommt man schon ein bisschen mehr ins Horchen rein. Und wenn man die Ohren ein bisschen spitzen will, dann kann man sich einfach mal sagen: Was höre ich? Aha, das ist ein Flugzeug, und da ist ein Bach. Hier höre ich einen Vogel. Sich Rechenschaft geben über das, was man eigentlich hört. Das ist eine wunderbare Horchübung.

PJ: Seine Welt seien die heilenden Kräfte der Musik  und der Natur. Von sich selber sagt er, er sei ein „Horchmensch“. Vielleicht gerade weil er blind ist. Wolfgang Fasser ist in Glarus geboren und aufgewachsen. Im abgelegnen Dorf Poppi, in der Toscana, führt der Musiker, Musik- und Physiotherapeut Musiktherapie – Projekte für behinderte Kinder durch. Wie sich Wolfgang Fasser in seinem Universum der Klänge und Geräusche bewegt und wie er mit grosser Liebe mit seinen kleinen Patienten arbeitet, ist im Dokumentarfilm „Im Garten der Klänge“ („nel giardino die suoni“) zu sehen. Hier geht es darum, wie mit Hilfe von Musik und Naturklängen neue Wege zu sich selbst und zur Welt in der wir leben, gefunden werden können.

WF: Musik ist sehr gut einsetzbar zum Beispiel dort, wo das Wort den Menschen nicht erreicht. Behinderte Kinder, die einfach keinen Zugang zur Sprache haben, können sich manchmal durch Musik ausdrücken oder werden oft durch Musik in einer harmonisierenden Art beeinflusst, beruhigt oder angeregt.

PJ: Wolfgang Fasser, 1955 geboren, leitet in Poppi in der Toscana ein Musiktherapie – Projekt mit dem Namen „Il Trillo“.

WF: Man kann mit der Musik auch direkt ins Bewegungsgeschehen Einfluss nehmen. Zum Beispiel bei Parkinson-Patienten. Durch rhythmische Musik kann diese Rigidität, die durch die Parkinson-Krankheit kommt, ein bisschen gelöst werden. Es entstehen rhythmischere Bewegungen. Oder Kinder, die Bewegungsstörungen haben, schwere Störungen der Koordination, die können oft durch das musikalische Schaffen ein bisschen mehr Koordination bekommen und harmonischere Bewegungen machen.

Oder simpel einfach: Manchmal ist man verkrampft, psychisch angespannt, da kann man oft loslassen lernen, mit Hören von Musik oder mit selber Musizieren.

Oder im Verhaltensbereich: Wenn jemand Mühe hat mit dem Miteinander, wenn er wohl gut selber und allein etwas machen kann, aber es gemeinsam mit anderen Menschen nicht geht, kann man in kleinen musikalischen Projekten wunderbar  lernen, wie man sich in der Gruppe bewegen, sich zu spüren, sich wahrnehmen und sich ausdrücken kann, wie man sich gegenseitig stützen und seinen Moment abwarten kann bis man dran kommt.

PJ: Ich habe gesehen: Manchmal suchen Sie ja auch spezielle Töne für Ihre Patientinnen und Patienten.

PJ: Ja, ich entwickle eigentlich Hörbilder. Ich überlege mir: Welche Stimmung in der Natur könnte eine Hilfe sein? Wir machen sogar zum Teil Aktivitäten draussen. Das ist die Musiktherapie im Freien. Dass wir in natürlichen Klangräumen singen oder lauschen oder eben auch den Klängen der Natur begegnen und mit denen dann spielen. Oder der Gesang am Wasser ist einer dieser schönen Aktivitäten, wo man einander sein Leben erzählt und durchs Wasser, durchs Plätschern des Wassers eingeladen wird und dadurch in einen inneren Fluss kommt. Wenn ich Stille-Wochen habe in unseren Retraite-Haus dann mache ich das sehr oft.

PJ: Musiktherapie, das ist auch etwas für Leute die nicht ein spezielles Musikgehör haben, nehme ich an, für Leute, die überhaupt keinen Zugang zur Musik haben.

WF: Absolut. Also es sind sicher 9 von 10 Patienten, die haben nichts am Hut mit Musik. Sie hören Musik, aber sie sind nicht Musiker. Die meisten singen auch gar nicht. Heute ist es ja fast normal, dass man nicht mehr singt. Aber sie spüren, dass sie etwas musikalisches haben. Dass ihr Wesen auch für Musik gemacht ist, dass da etwas drängt, das geklärt werden möchte, sich auch ausdrücken möchte.

PJ: Wo liegen eventuelle Grenzen der Musiktherapie? Wo kommen Sie auch nicht mehr weiter?

WF: Es gibt Grenzen wie in jeder Therapieform. Auch wenn man der Musik oft etwas Magisches zuweist. Natürlich ist Musik oft zauberhaft im Empfinden. Aber Musik kann nicht zaubern. Und man liest natürlich immer wieder von ganz tollen Effekten,wie jemand aus dem Koma erwacht ist, weil er eine Musik gehört hat. Natürlich gibt es das auch. Musiktherapie hat Grenzen, wie jede Therapie. Man kann mit Musik nicht alles machen. Mit der Musiktherapie kann man manchmal auch nicht so genau voraussehen, was passieren wird. Nehmen wir ein Beispiel: Jemand ist verkrampft im Rücken und ich mache eine klassische Massage, da kann ich mit grösster Wahrscheinlichkeit sagen, dass es ihm nachher besser geht. Das kann man in der Musik nur zum Teil. Das muss man erkennen und beobachten, wie gesagt, Musiktherapie hat Grenzen. Es ist manchmal so, dass sich jemand für Musik überhaupt nicht interessiert. Dass das einfach nicht sein Medium ist. Dann kann man da nichts machen.

PJ: Was ist bis jetzt Ihr eindrücklichstes Erlebnis in Ihrer Arbeit als Musiktherapeut?

WF: Sehr eindrücklich finde ich schon zu sehen wie sich Familien verwandeln, wenn ich ihre Kinder über sechs bis acht Jahre begleite. Wie die Familie sich aus der Überforderung und Hilflosigkeit und Verzweiflung langsam herausfindet und lernt, das Kind zu sehen, wie es wirklich ist. Das Kind lieben lernt, so wie es ist mit seiner Behinderung und wirklich beginnt, den Menschen hinter diesem behinderten Kind zu erkennen, durch dieses Erkennen wird es genährt und bekommt Freude. Zu sehen, wie sich nun ein dichtes, intensives, warmherziges Familienleben entwickelt und  alle anfangen einen Weg mit Vertrauen zu gehen, das sind schon sehr, sehr schöne Erlebnisse.

Hier möchte ich vom kleinen Luca erzählen, obwohl es verschiedene Kinder sind, die uns wunderbare Erlebnisse ermöglichten. Aber hier die Geschichte wie Luca gelernt hat zu sprechen. Das war vor allem über meinen Hund, der in der Therapie dabei war. Luca hat sich mit dessen Maul beschäftigt, mit den Zähnen, mit der Zunge. Und dann dadurch auch meinen Mund entdeckt hat und dann seinen. Und dass es irgendwie geklickt hat und er mit viereinhalb zu sprechen begonnen hat.

PJ: Das müssten sie vielleicht noch ein wenig erklären: Mit dem Hund sprechen lernen.

WF:Ja, das war so: Also mein Hund ist einfach in der Ecke im Musiktherapie-Zimmer auf seinem Teppichlein gelegen. Der Bub konnte nicht reden aber er hat mich bei der Hand genommen und immer wieder zum Hund geführt und ihn gestreichelt und mit den Fingern so ein bisschen am Maul herum gemacht und die Lefzen aufgemacht und die Zähne… Mein Hund war ein so gutmütiger Kerl, der hat all das mit sich machen lassen. Wir haben ihm ins Maul geschaut und das hat den Buben irgendwie so fasziniert, dass er dann angefangen hat, meinen Mund anzuschauen, dann seinen Mund, und dann jenen der Mutter. Und durch die Beschäftigung mit seinem Mund hat er dann plötzlich die Bewusstheit bekommen, dass wir überhaupt einen Mund haben und dass die Stimme aus diesem herauskommt. Und so haben wir langsam dann den Weg gefunden, Töne zu machen, für den Hund zu singen, für ihn ein Konzertchen zu spielen und zu ihm zu sprechen. Wir haben angefangen mit den Lauten zu spielen und langsam hat das zur Sprache geführt.

PJ: Wie alt war der Junge?

WF: Also mit dreieinhalb ist er zu mir gekommen, weil er weder geweint, noch gelacht, noch irgendwie einen Ton von sich gegeben hat. Er war einfach ein ganz stilles Kind. Man sagte, er habe eine leichte cerebrale Lähmung. Aber das mit der Sprache war einfach eine starke Retardierung und in der Logopädie ist es einfach irgendwie nicht weiter gegangen. Und so haben sie es noch mit der Musiktherapie probiert und durch die Beschäftigung mit den Klängen, spielen mit den Klängen, mit dem Körper und unserem Hund ….

PJ: Wie lange ging es bis die ersten Wörter kamen?

WF: Ein halbes Jahr.

PJ: Und jetzt kann er wirklich reden?

WF: Ganz normal, ja.

Ein Gong-Klang entfaltet sich im Raum.

WF: Unser Körper selber ist ein  Klangkörper. die Lunge, das Herz, der Bauchraum, der Kopf. Die Höhlen. Und der Klang, den wir schlussendlich wahrnehmen, das Klangerleben ist eben auch ein Körpererleben. Die Leibhaftigkeit, und das löst ganz viele Sachen in uns drin aus. Und das führt dazu, dass sich die Bewegungen verändern. Dass sich Empfindungen, Wahrnehmungen verändern , dass Sprache angeregt wird. Plötzlich kann ein Lautverständnis, ein Bewusstsein für Laute und später für Worte, entstehen, weil es über den Leib reingekommen ist.

Ich mag mich erinnern, im Kindergarten, habe ich mal ein Erlebnis gehabt. Ich bin einem Hochzeitsbus nachgesprungen und dann haben sie „Feuersteine“, farbige Bonbons, rausgeworfen, aber ich habe die einfach nie gesehen. Und ich habe kein einziges Bonbon in der Hosentasche heimgetragen. Da habe ich genau gewusst: mein Leben wird anders sein, als das meiner Kameraden.

Es war für meine Eltern gar nicht leicht in einer Zeit, in der sie materiell nicht so gut da standen, zu wissen, sie haben drei von fünf Kindern, die mit grosser Wahrscheinlichkeit das Sehen verlieren werden. Im Glarnerland… was kann man da lernen… Das war eine Riesensorge. Ich wollte unbedingt Wildhüter werden, oder Förster und von meinem Vater kam das Nein dazu; aber es kam aus seiner Liebe heraus, ich konnte das nur schwer schlucken, das war sehr, sehr, sehr schwer anzunehmen.

Ich habe schon als kleiner Junge nie gut gesehen. Als ich dann mit 22 Jahren blind geworden bin, war es für mich eine Erleichterung. Irgendwie wurde alles einfacher. Es ist mir klar geworden, dass ich nun mit einem Blindenstock gehen muss, dass ich nun die Leute fragen muss, wenn ich den Weg suche. Wenn ich an meine Kindheit zurück denke, erinnere ich mich vor allem an die Jahre in der Klosterschule Näfels.

Diese Klosterschule war eine wichtige Station. Die Franziskaner-Mönche, die Kapuziner, haben mich sehr stark an die Natur herangeführt. Sie haben mich die Schönheiten der Natur noch mehr erkennen und schätzen gelernt. Das hat mich sehr geprägt. Der direkte Bezug zur Kreation, zur Natur. Ich habe die Natur als Kind schon geschätzt, aber durch die erneute Hinführung durch die Lehrer, die wir dort hatten, hat sich das verstärkt. Und ich habe diese Freude an der Natur nie verloren. Ich habe schon damals gewusst, irgendwo und irgendwann kommt das dann wieder.

Den Traum vom Förster oder Wildhüter musste ich endgültig begraben, aber dass die Natur eines Tages trotzdem im Mittelpunkt meiner Arbeit stehen würde, das hat sich erst mit der Zeit herauskristallisiert. Viel später habe ich realisierte, dass nicht nur Musik, sondern auch Töne und Geräusche aus der Natur eine therapeutische und heilende Kraft haben. Dass ein Kind durch Klänge und Geräusche aus der Natur lernt Hinzuhören und seine Umwelt bewusster wahr zu nehmen. Der Natur Zuhören fördert den Kontakt und die Auseinandersetzung mit der Umwelt.

PJ: Neben ihrer Arbeit als Physio- und Musiktherapeut sind sie doch auch als Lehrer tätig. Eine Tätigkeit, die sie bis nach Afrika geführt hat.

WF: Ja, da waren drei Jahre Arbeit in Lesotho in Afrika. Hoch in den Bergen, in einer einfachen und kargen Welt. Dort habe ich gearbeitet und hatte durch diese Arbeit wieder intensivsten Kontakt mit der Natur. Ebenfalls bin ich mit der einheimischen Medizin, mit dem Schamanismus von Lesotho und mit den Pflanzen und Kräuterheilkunde dieses Landes in Berührung gekommen.

Und dort habe ich begonnen, Krankenschwestern in der Basis-Physiotherapie auszubilden. Ich habe nationale Kurse organisiert die ich nach wie vor weiterführe. Denn es gibt praktisch keine Physiotherapeuten in diesem Land. Auf die  zwei Millionen Einwohner gibt es jetzt zehn Physiotherapeuten. Früher waren es zwei. In den Dörfern machen nun vor allem Krankenpflegerinnen und Samariterinnen diese Arbeit. Diese haben wir dort mit einer Schweizer Organisation, mit Solidarmed, ausgebaut. Und jetzt führe ich diese Ausbildungs-arbeit in einer privaten Initiative weiter.

In Afrika wie in der Schweiz ist aber die Natur für mich eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration für meine Arbeit.

Zum Beispiel fasziniert mich, wie aus der Einfachheit einer Vogelstimme eine so grosse Kreativität herauszuhören ist. Und wie der Buchfink auf x-Arten den einfachen Ruf variieren, oder die Amsel jubilieren kann. Ich möchte in der freien Improvisation in der Musiktherapie genauso so frei werden wie ein Vogel.

PJ: Reden wir doch ein bisschen über Ihre Klangwelten. Wie erklären Sie Ihre Arbeit oder vielleicht auch Ihre Philosophie, den Leuten, die sie nicht oder noch nicht kennen?

WF: Natürlich liegt es auf der Hand, dass der Klang und der Bezug zur Welt über den Klang für mich als Musiktherapeut und Naturfreund und dann noch als blinder Mensch etwas sehr Wichtiges ist. Ich habe eine Initiative, eine Art Plädoyer für den hörenden Menschen über viele Jahre vorwärts getragen. Sie ist mein Beitrag an die Entwicklung der Gesellschaft in der ich lebe. Einladungen fürs Hören machen, Hörenswürdigkeiten wieder in den Vordergrund rücken damit wir auch übers Ohr wieder Kontakt haben mit der Welt in der wir leben, dass wir einander hören, das Du, die Gemeinschaft und auch die Natur um uns herum.

PJ: Können Sie da ein, zwei Beispiele geben. Wie machen Sie das? Wie schlagen Sie da die Brücke?

WF: Eine  Aktivität sind zum Beispiel die Horchwanderungen. Etwa 20 Mal im Jahr  lade ich Leute ein, mit mir wandern zu gehen.  Ich führe sie an Plätze des schönen Hörens, dorthin, wo man etwas Besonderes hören kann. Und wir horchen und lauschen miteinander. Zum Beispiel habe ich vor kurzem eine Wanderung gemacht zum Thema Grillen, Rehrufe und Nachtigall. Da sind wir am Abend um halb Neun losmarschiert, wir waren 40 Leute, einige kamen von weit her, und ich führte sie über Waldpfade, über Auen, einem Bach entlang. Ich führte sie an Stellen, wo ich wusste, dass wir diese Tiere mit grösster Wahrscheinlichkeit hören würden. So vernahmen viele zum ersten Mal den Ruf eines Rehs oder eines kleinen Rehleins und begannen zu verstehen, weshalb es so ruft, erkannten, dass dieser Ton nicht von einem Vogel kommt. Eine Eule ist uns auch noch begegnet. In gewissen Jahreszeiten lauschen wir der Nachtigall. Diese  Aktivitäten werden sehr besucht. Ich mache auch Projekte mit Kindern.

PJ:  Welches ist Ihre liebste Horchwanderung, in welcher akustischen Umgebung? Es gibt ja am andern Ende auch noch die laute  Stadt. Zur Zeit haben Sie die leise Natur gewählt.

WF: Ich bin auf alle Fälle jemand, dessen Heimat die Natur, also die rurale Klanglandschaft ist. Ich komme aus dem Glarnerland und habe dort einen intensiven Bezug zur Natur und zur Bergwelt bekommen, einfach weil ich dort geboren bin. Die urbane Klangwelt kenne ich auch, aber ich lebe so abgelegen, dass es für mich ein grosses Engagement ist, bis ich überhaupt in der Stadt bin. Deshalb ist es auch nicht meine Welt. Ich bin in der Natur, in einer sehr wilden, archaischen Natur zu Hause und diese Welt, die kennen viele nicht mehr. Darum biete ich solche Horchwanderungen an.

PJ: Kann es sein, dass Sie auf diesen Wanderungen selber auch Entdeckungen machen? Von Geräuschen, Stimmen, akustischen Ereignissenn überhaupt, die Sie zuvor nicht kannten?

WF: Ja, jedes Mal. Zum Beispiel hat es letztes Mal ein bisschen gewindet. Es war  der Fiorentino, so wird er bei uns genannt, ein rauer, grosswelliger Wind, ein bisschen brüsk, er ähnelt dem Föhn im Glarnerland. Dieser Wind macht natürlich ein ganz charakteristisches Geräusch in den Nadelbäumen und auch in den Laubbäumen. Im Gegensatz zum Tra Montana (ein Wind aus Nord oder Nordwesten). Der ist so ein bisschen wie eine Bise, und macht ein ganz anderes Geräusch. Und das konnten wir damals wunderbar hören, wie die starken Fiorentino-Böen kamen und gingen. Wir waren an einem Ort in der Landschaft, wo wir einen grossen Klanghorizont hatten und wir hatten das Gefühl, dass der Wind wie eine Streicheleinheit über den Wald daher kam. Das hat sehr Eindruck gemacht. Also da wird sehr viel entdeckt beim Klangweg. Ich bereite den Klangweg so vor, dass  man eine gute Ausbeute hat, dass man viel hören kann. Zum Beispiel der Kuckuck, den habe ich schon in den Tagen vorher beobachtet. Ich habe gewusst, wo er fliegt und dass er am Abend, wenn wir dort durchgehen, immer noch dort ist. Ich habe einer jungen Frau, die eine relativ hohe Stimme hatte, gezeigt, wie sie dem Kuckuck rufen kann. Sie hat Kuckuck gerufen und der ist wirklich gekommen und sie konnten ihn wunderbar sehen, wie er über uns uns durchgeflogen ist. Das hat natürlich grosse Begeisterung ausgelöst, dass man mit einem solchen Tier kommunizieren kann.

PJ: Was bringen so Horchwanderungen oder das bewusste Hören den Leuten?

WF: Ein schönes Gemeinschaftserlebnis. Ein gemeinsames Teilen von natürlichen Wirklichkeiten, oft eine angenehme Entschleunigung. Ein wunderbarer Nebeneffekt dieser Wanderungen, die in die Nacht hinein gehen, ist, dass viele Leute die Angst vor dem Dunkeln verlieren. Es ist eine Einladung auch an die Hingabe. Viele Leute bekommen ein besseres Vertrauen, wenn sie lernen nachts durch den Wald zu gehen. Und dann ist es auch einfach eine Erweiterung der Kenntnis der Klanglandschaft, der akustischen Welt um uns herum. Das Spitzen der Ohren.

PJ: Es wurde von Nicola Bellucci ein Dokumentarfilm, der von der Basler Soap Factory produziert wurde, gemacht. Ein Portrait über Sie. Haben Sie den Film gesehen?

WF: Ich habe den Film verschiedentlich angehört. Und ich habe ihn gesehen durch die Augen der andern, die mir von dem und dem erzählt haben. Ich gehe eigentlich nie ins Kino, ich habe mit den Filmen überhaupt nichts am Hut. Aber ich weiss von vielen Filmen, weil die Leute sie mir erzählen. Und da sind vielleicht zehn Leute, die mir den gleichen Film erzählen und alle erzählen mir ein bisschen eine andere Geschichte.

PJ: Was haben Sie jetzt von diesen Geschichten mitbekommen, die Ihnen die Leute über Ihren Film erzählt haben?

WF: Alle erzählen mir über die sehr schönen Naturbilder und über die Schönheit der Kinder. Obwohl man sieht, dass es schwer geprüfte, also schwer behinderte Kinder sind. Dass ganz viel Schönes durchkäme, wie zum Beispiel die Herzlichkeit, die Freude, wie auch die Hingabe, die Liebe zu den Kindern, und die Liebe von diesen Kindern zu mir. Was die Leute anscheinend sehr beeindruckt ist diese ganz eigene Welt. Die Nische, die diese Menschen bewohnen und die zum Teil seltsame, besondere, beeindruckende Verbindung zur Natur, die Suche nach den Klängen und die Geduld, die ich mit den Kindern habe. Aber es sind die Kinder, die mich das Geduldhaben lehren, denn ohne Geduld geht es gar nicht. Das Lautersein sein in den Grenzsituationen. So Sachen werden mir erzählt.

PJ: Auf den ersten Blick ist es sehr ausserordentlich bis erstaunlich, dass ein Mensch, der blind ist, sein OK gibt zu einem Film, der ja ein sehr optisches Medium ist. Wieso sind Sie da eingestiegen?

WF: Ja, weil ich nicht viel gedacht habe. Der Regisseur hat sich ja eigentlich für den Klang interessiert und ich dachte, dass ich sicher noch etwas über die Arbeit mit Klang im Film lernen kann. So habe ich das verstanden und bin dann eingestiegen. Und dann ging es halt immer weiter. Work in Progress. Das hat sich von sich aus entwickelt. Ich konnte dann lernen, dass die Welt der Filmer eine ganz andere ist als die Welt der Horchmenschen, der Akustiker, die mit dem Audio zu tun haben. Und wirklich, die Welt vom Klang ist eine ganz andere als die Welt vom Bild.

PJ: Können Sie das ein wenig präzisieren? Wie anders ist sie? Was für Unterschiede gibt es da aus Ihrer Sicht?

WF: Ein Beispiel: Klang braucht viel mehr Zeit. Horchen braucht mehr Zeit. Über das Hören kommt die Welt zu uns. Mit dem Schauen – das kann man viel schneller – geht man in die Welt hinaus. Der Umgang mit dem Klang, wenn jemand vom Film kommt, ist wirklich ein ganz anderer als wenn man vom Klang her kommt. Ein Filmer lässt sich viel weniger Zeit, alles muss schnell gehen. Er hat auch die Idee, die Szene müsse sich ständig verändern. Im heutigen Film soll man anscheinend sehr gut feststellen wie schnell die Bilder immer wieder wechseln. Hörbilder, die wechseln nicht so schnell, da lebt man drin, man horcht und lauscht ihnen. Da geht ganz viel über die Emotionen, über den Affekt. Ja, es ist eine ganz andere Welt nur schon vom Tempo her.

Die Kameramänner, die wollen schnell vorwärts machen, denn das kostet ja alles. Ich habe mich jeweils orientiert und habe meine Sachen bereitgestellt, so dass sie filmen konnten. Aber dann hat er mir zum Beispiel die Trommel schnell aus der Hand genommen und hingestellt, und ich habe dann nicht mehr gewusst wo sie nun stand, da habe ich sie wieder suchen müssen. Eigentlich völlig banale Sachen, aber hätten sie mir ein bisschen mehr Zeit gelassen, dass ich als Blinder in meinem Tempo, autonom und authentisch hätte schaffen können, hätten sie eine viel bessere Ausbeute gehabt, sie hätten langsamer machen müssen.

So habe ich gelernt, wie Sehende funktionieren.

PJ: Wie funktionieren sie?

WF: Eben, oft sehr schnell, sehr beflissen. Schnell haben sie den Eindruck, sie hätten  es erfasst. Beim Sehen ist man sehr schnell, aber man erfasst manchmal nicht ganz so schnell, wenn man nur schaut. Horchen braucht Zeit und bei gewissen Sachen muss man Hinlauschen, einfach ein bisschen warten und erst dann nimmt man wahr, was wirklich ist. Das Unsichtbare wahrnehmen braucht ein bisschen mehr Zeit, schnell lässt man sich täuschen und meint, man habe es erfasst, weil man es nur gesehen hat.

 

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