Wir leben mit viel Hörschrott

 

Interview mit Wolfgang Fasser, von Katrin Hafner
Suche nach Klangbildern: Der Dokumentarfilm über Wolfgang Fasser blickt in das Metier des Schweizer Klangkünstlers. Was er sieht, sagt der blinde Wolfgang Fasser, sind «Klangpostkarten».
«Nel giardino dei suoni (Im Garten der Klänge)»
Ein Dokumentarfilm über den blinden Klangforscher. Im Zentrum des Dokumentarfilms von Nicola Bellucci steht Wolfgang Fasser, der in der Toskana schwerstbehinderte Kinder mit Klängen, Stimmen und Aufnahmen therapiert. An den Solothurner Filmtagen wurde der Film mit dem Prix de Soleure ausgezeichnet.
Als blinder Mensch und Klangforscher sind Sie Experte des Akustischen. Wie tönt unsere Welt heute?
Unglaublich vielfältig. Zum einen besteht sie aus unzähligen akustischen Nischen, lokalen Soundkulturen. Gleichzeitig gibt es heute so etwas wie den globalisierten Sound. Bahnhöfe tönen überall ähnlich. Denken Sie nur an die Stimme, die in der Schweiz Züge ankündet. Das ist uniform geworden. Bis vor Kurzem war es am einen Tag noch der Herr Meier und am nächsten die Frau Müller. Stimmgesichter. Jetzt ist es einfach die Bahnhofsstimme. Es findet eine akustische Homogenisierung statt.Welches konkrete Geräusch dominiert unseren Alltag? Das klingelnde Handy?
Überhaupt all das Gepiepse der technischen Geräte im öffentlichen Raum. Das ist sehr typisch für unsere Zeit. Das dominanteste Geräusch aber ist ein relativ unspezifisches: das Hintergrundgeräusch. Ein permanentes Rauschen. Das ist der Pegel unserer Zivilisation. Ein akustischer Smog, der sehr verbreitet ist, bis weit auf das Land und über alle Kontinente hinweg. Wenn man das Mikrofon gegen den Himmel richtet, merkt man, welche Autobahn da oben ist. Es sind nicht nur die Fahrzeuge am Boden, es sind auch die dauernd hoch über uns zirkulierenden Flieger.

Laut Bundesamt für Umwelt ist in der Schweiz jeder sechste Mensch schädlichem Lärm ausgesetzt. Was macht der Lärm mit uns?
Nehmen wir die Vögel: Sie singen in Städten in höheren Tonlagen als auf dem Land, damit sie durch den Geräuschpegel kommen. Und wir Menschen reden lauter. Im Zug fällt das auf, aber auch auf der Strasse. Lehrer sind häufiger heiser, weil sie die Stimme strapazieren. Und die Hörprobleme nehmen zu.

Man sagt, Lärm mache krank.
So würde ich das nicht sagen. Es gibt aber Studien, die eindeutig zeigen, dass Lärm die Gesundheit belasten kann und beispielsweise mitverantwortlich ist für Herzinfarkte. Bestimmt schlägt Lärm auf das Gemüt. Wir brauchen die Stille. Sind wir dauernd lauten Geräuschen ausgesetzt, die wir mit der Zeit nicht mal mehr als störend wahrnehmen, beginnen wir darunter zu leiden. Lärm macht verletzlich.

Nun können wir aber nicht alle aufs Land ziehen.
Nein. Doch es gibt lobenswerte Initiativen: Flüsterbeläge, die Strassenlärm schlucken, Trams, die leiser fahren.

Was kann der Einzelne tun, um besser mit dem Lärm zu leben?
Sich bewusster mit der akustischen Welt auseinandersetzen. Mal innehalten und sich auf ein Geräusch konzentrieren, auf eine Stimme. Stimme ist Mimik, ist ein Gesicht, ein Spiegel der Seele. Wir reden schon lange über die optische Aufwertung von Quartieren, kümmern uns um die Begrünung von Städten, setzen auf Design. Klangdesign aber ist kein Thema. Im Gegenteil: Unser Alltag spielt sich stark optisch ab, wir brauchen das Gehör weniger, ja, wir deinvestieren in dieses Sinnesorgan, schalten den Kanal innerlich ab. Selbst die Kommunikation ist visuell geworden, wir mailen, schicken SMS. Wenn wir unterwegs sind, schauen wir auf das Display des Handys. Wir könnten unsere Wahrnehmungskultur bewusst wieder vom Optischen hin zum Akustischen verschieben.

Was ist schlecht an der optischen Wahrnehmungskultur?
Die akustische Welt beeinflusst uns, ob wir wollen oder nicht. Töne haben eine Wirkung auf unser Innenleben, das ist bekannt aus der Musikforschung. Durch das Ausrichten aufs Optische und den gleichzeitig steigenden Lärmpegel gewöhnen wir uns ans Weghören. Das finde ich das Dramatischste: Dass wir uns aneignen, taub zu werden.

Wieso konzentrieren wir uns mehr auf das Sehen als auf das Hören?
Wir glauben ans Visuelle. Das Bild gilt als Garant für die Realität. Die technische Entwicklung setzt auch aufs Bild – zum Beispiel in der Medizin. Schauen geht eben schnell. Hören ist ein langsamer Prozess. Es ist selbst physiologisch betrachtet ein Vorgang, der mehr nach innen geht. Man muss sich Zeit nehmen. Heute, da alles immer schneller gehen muss, bleibt kaum Raum für die Pflege der auditiven Kultur.

Sie glauben, uns entgeht etwas, wenn wir Dinge überhören?
Ja, ein Teil an Beziehung. Bild und Ton sind verschiedene Welten. Das meine ich wertfrei. Es sind Stereo-Wahrnehmungsorgane. Wenn wir üben, beide zu öffnen, entdecken wir mehr vom Leben. Das Lauschen ist heilsam – bei behinderten Menschen genauso wie bei gestressten oder deprimierten Leuten.

Als Musiktherapeut behandeln Sie auch schwerstbehinderte Kinder. Inwiefern helfen Klänge?
Akustische Hörereignisse fördern auditive Grundfähigkeiten, und das ist zentral für die psychosoziale Entwicklung. Konkret muss man herausfinden, auf welchen Ton oder welche Musik ein Kind reagiert. Das kann die Wiedergabe eines Vogelrufs sein oder ein archaisches Instrument wie Gong, Trommel oder Regenrohr. Oft lasse ich die Kinder Töne fühlen. Sie liegen auf dem Gehäuse eines Saiteninstruments und spüren physisch die Schwingungen. Einige werden dann ruhig, andere beginnen aktiv zu werden, den Blick zu richten, Töne zu imitieren. Das ist der Anfang.

Mit 22 erblindeten Sie infolge einer Erbrankheit. Was entgeht Ihnen ohne Augenlicht?
Ich empfinde mich nicht als blind. Denn ich höre. Ich schaffe mir Hörbilder: Mit dem Mikrofon gehe ich in die Natur, höre zu, wie ein Bächlein tröpfelt, plätschert, sprenkelt, belausche die Vögel und den Wind. Das ergibt fantastische Klangpostkarten, die ich immer wieder anschaue.

Ist die unsichtbare Welt die schönere als die visuelle?
Nein, die beiden sind komplementär.

Sie leben teils in der Toskana, teils in Zürich. Was hat sich hier in den letzten Jahren verändert?
Es hat noch mehr Autos, der Lärmpegel ist dichter, homogener geworden und bis tiefer in die Nacht wahrnehmbar. Mir fallen die vielen Baustellen auf. Das ist verrückt: Alles verändert sich, doch die Baustellen tönen noch wie vor zwanzig Jahren. Wir leben mit viel Hörschrott. Es gibt nicht viele Hörenswürdigkeiten.
Wolfgang Fasser (1955) wuchs in Glarus und Zürich auf. Er arbeitet als Musiktherapeut in der Toskana mit schwerstbehinderten Kindern und als Dozent und Supervisor in der  Schweiz

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