John Cage

Nina:
Meine erste Frage: Was fällt Ihnen ganz spontan ein, wenn Sie den Namen John Cage hören?

Wolfgang:
John Cage – da kommt mir sofort die Stille in den Sinn. Sein Stück 4’33’’, dieses Pianostück über Stille. Dann denke ich an seine Projekte in Italien, etwa in Bologna und Florenz, wo er mit Klangforschern gearbeitet hat. Auch dieses Radioprojekt, bei dem er ein Mikrofon außen an einem Zug befestigte. Und vor allem seine Beschreibungen von Stille – und diese unglaubliche Offenheit, mit der er zugehört hat. Für mich hat das viel mit Dekonditionierung zu tun.

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Nina:
Jetzt bin ich natürlich neugierig: Waren Sie bei diesen Happenings in Bologna dabei?

Wolfgang:
Nein, leider nicht. Das war vor meiner Zeit, in den 70er Jahren. Aber es wurde viel darüber berichtet. In Italien gab es damals eine sehr engagierte Gruppe rund um Klanglandschaft, unter anderem mit Alberto Meyer. Sie haben beeindruckende experimentelle Projekte gemacht.

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Nina:
Spannend.
Was ist Ihr musikalischer Werdegang?

Wolfgang:
Meine musikalische Biografie begann ganz klassisch. Im Glarnerland macht man als Kind Musik – in der Kirche, bei den Pfadfindern, in der Schule. Wir haben schon im Kindergarten viel gesungen. In der Primarschule hatte ich einen Lehrer, der jeden Morgen Violine für uns spielte.

Sehr prägend war auch mein Vater. Er liebte symphonische Musik und Operette und hörte jeden Tag laut klassische Musik im Büro – wir hörten das im ganzen Haus.

Als Jugendlicher spielte ich Schlagzeug, autodidaktisch, in einer Rockband. Später war ich ein Jahr in Basel und machte dort eine traditionelle Trommelausbildung bei einer Fasnachts-Clique – eine großartige Erfahrung.

Während meines Studiums der Physiotherapie rückte die Musik etwas in den Hintergrund, aber ich hörte weiterhin viel: klassische Musik, aber auch ethnische Musik aus Israel und anderen Ländern. Ich spielte Blockflöte und Obertonflöte.

Ende der 70er Jahre kam ich in Zürich in Kontakt mit einer experimentellen Klanggruppe, lernte Monochord, Obertongesang und improvisatorische Musik kennen.

Dann reiste ich drei Jahre nach Afrika und setzte mich intensiv mit afrikanischer Musik auseinander. Später, in Italien, begann ich Saxofon zu spielen und machte eine Ausbildung in Musiktherapie. Ich studierte klassisches Saxofon und besuchte Jazzkurse zur Improvisation. In dieser Zeit begann ich auch mit Klezmermusik.

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Nina:
Wie kamen Sie von der Physiotherapie zur Musiktherapie?

Wolfgang:
Das war eine organische Entwicklung. Ich arbeitete früh als Physiotherapeut in der Psychiatrie des Universitätsspitals Zürich. Dort gab es eine Musiktherapeutin, Corina Bösch. Man wollte den Patienten Musik und Bewegung anbieten – und ich wurde gefragt, ob ich mitmachen wolle. Natürlich sagte ich ja.

Damals dachte ich: Wenn ich ein Instrument spielen kann, dann möchte ich auch Musiktherapie lernen und beides verbinden.

Ich hatte erkannt, dass ich die holistische Herangehensweise, die ich in Afrika kennengelernt hatte, in Europa so nicht praktizieren konnte. Also integrierte ich Musiktherapie in meinen Beruf. Eine Kombination – das war immer mein Anliegen.

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Nina:
Ist die Arbeit als Physiotherapeut sehr anders als die als Musiktherapeut?

Wolfgang:
Ja und nein. Wenn man sich als Physiotherapeut nur als Körpertherapeut versteht, braucht man keine Musiktherapie.

Aber wenn man die Begegnung mit dem Menschen ins Zentrum stellt – nicht nur seine Knochen behandelt, sondern die Person – dann verändert sich alles.

Musik kann eine zusätzliche Sprache sein, besonders bei Schmerz, in der Neurorehabilitation oder bei Kindern mit Behinderungen.

Umgekehrt verstehen Musiktherapeuten oft zu wenig vom Körper. Gerade Berührung ist wichtig – sie hat ähnliche Ausdrucksformen wie Musik.

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Nina:
Wir haben über Stille gesprochen. Bei 4’33’’ geht es ja weniger um Stille an sich, sondern um eine besondere Form des Hörens.

Wolfgang:
Ja – ich würde sagen: Lauschen.

Lauschen ist ein Hören, bei dem die Seele beteiligt ist. Es bedeutet, sich zu öffnen, zu empfangen, präsent zu sein.

Das ist zentral in der Therapie. In der Stille entsteht Beziehung – zum Gegenüber, zum Patienten.

Durch dieses offene, „unkonditionierte“ Hören – wie es Krishnamurti beschreibt – entstehen Impulse, oft aus der unbewussten Kommunikation heraus.

Lauschen ist also Offenheit. Es ist nicht fokussiertes Hören, sondern ein Sich-Einlassen. Und das ist eine Grundlage der Musiktherapie.

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Nina:
Wie entsteht diese Stille konkret?

Wolfgang:
Nicht durch langsames Sprechen oder Entspannungstechniken. Entscheidend ist, dass man präsent ist – bei sich selbst, nicht im Kopf.

Wie in der Improvisation: Wenn jemand einen „Fehler“ macht, kann ich ihn integrieren, wenn ich wirklich da bin. Dann wird er Teil des Ganzen.

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Nina:
Welche Rolle spielt Improvisation in der Musiktherapie?

Wolfgang:
Improvisation ist wichtig – aber sie ist eingebettet in Beziehung. Es geht nicht nur ums Spielen, sondern um Begegnung.

Wir sind in einer Art relationaler Improvisation – einer „Instant Composition“, die immer mit dem Gegenüber verbunden ist.

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Nina:
Wie sehen Sie verschiedene musiktherapeutische Ansätze?

Wolfgang:
Ich habe eine eher „südländische“, integrative Ausbildung. Sehr offen, praxisnah.

Später habe ich auch mit klassischer Musik gearbeitet, etwa in der Methode „Guided Imagery and Music“. Das war eine wertvolle Ergänzung.

Grundsätzlich finde ich: Man sollte verschiedene Ansätze kennen, aber sich nicht dogmatisch festlegen.

Musiktherapie ist ein breites Feld – und man braucht Flexibilität.

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Nina:
Welche Rolle spielt Natur in Ihrer Arbeit?

Wolfgang:
Eine sehr große. Ich kann mir Musiktherapie ohne Naturbezug kaum vorstellen.

Klanglandschaften – ob natürlich oder urban – gehören für mich genauso dazu wie Musik. Wir leben in Klang.

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Nina:
Wie wichtig ist die therapeutische Beziehung?

Wolfgang:
Entscheidend. Studien zeigen: Das therapeutische Medium macht etwa 15–20 % aus. Die Beziehung etwa 60–65 %.

Der Rest ist nicht genau definierbar.

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Nina:
Und die Neurowissenschaft?

Wolfgang:
Wichtig – aber begrenzt. Sie erklärt viel, aber sie reduziert den Menschen oft auf das Gehirn.

Ich sehe den Menschen ganzheitlicher – auch mit einer seelischen Dimension.

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Nina:
Wie kann man Erwachsenen helfen, wieder spielerisch mit Musik umzugehen?

Wolfgang:
Durch Dekonditionierung.

Viele glauben, sie seien unmusikalisch. Aber jeder hat ein musikalisches Wesen.

Als Therapeut sollte man selbst frei sein – auch bereit, „unmusikalisch“ zu klingen. Das ist oft die größte Herausforderung.

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Nina:
Was ist Ihr Fazit zur Musiktherapie?

Wolfgang:
Musiktherapie ist ein offener, holistischer Beruf.

Es gibt viele Ansätze – psychodynamisch, analytisch, GIM usw. Alle haben ihren Wert.

Wichtig ist, dass man flexibel bleibt, sich immer wieder von Konzepten löst und im Moment präsent ist.

In diesem Sinne ist John Cage eine wunderbare Schule.

 

Nina Hitz, Musiktherapeutin, Holland